Edzard Schaper wurde dieser Tage für sein schriftstellerisches Gesamtwerk mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin ausgezeichnet.

Wenn Edzard Schapers Name unter Literaten auch schon längst einen guten Klang hat, so ist er doch erst in den letzten Jahren einer größeren Allgemeinheit bekannt geworden. Heute weiß man, daß er einer der bedeutendsten Erzähler unserer Zeit ist. Ein Erzähler, dessen Bedeutung sich nicht in der Kunst des Fabulierens erschöpft (obwohl auch das schon nichts Geringes wäre); nicht einmal in der Qualität seiner Sprache, seines Stils (die einen Auserwählten unter Hunderttausenden kennzeichnet). Edzard Schaper würde keine Feder anrühren, hätte er nicht mehr zu geben als dies. Denn er weiß, daß sich das selbstgenießerische reine Spiel der Artistik oder der Ästhetik nicht mehr rechtfertigen läßt, da die Lage des Menschen keinerlei Tun außerhalb der gemeinsamen Verantwortlichkeit mehr duldet.

Dieser Dichter – denn das ist der Essayist und Romancier Schaper in eminentem Maße – will nur schreiben, um Erlebtes zum Erleben zu bringen. Das Äußere seines Erlebten ist bunt genug. Es hat freilich die dunkle, gedämpfte Buntheit des Umhergeworfenseins zwischen lauter Katastrophen des Menschlichen, zwischen lauter Zusammenbrüchen und Auflösungen. Aber das Innenbild dieses selben Erlebten zeigt um so stetiger das Wachstum eines neuen Lebenskernes, der doch nur wieder der durch Einschmelzung gewandelte alte ist, dessen Verlust unsere Daseinsordnung fragwürdig machte. Bei Schaper hat dieser Kern die klare, eindeutige Gestalt der christlichen Weltsicht. Nicht von ungefähr also und nicht leichthin ist der entwurzelte Grenzbewohner (dies geistig wie leiblich verstanden) schließlich zur katholischen Kirche übergetreten. Wie wenig hier jedoch das formgebende Bekenntnis zur Erstarrung führte, erweist sich erneut an Betrachtungen und Reden, die als „ein Buch der Arche“ in der Nymphenburger Verlagshandlung, München, erschienen („Untergang und Verwandlung“; mit einem Geleitwort von Max Wehrle). Es sind Abhandlungen zumeist aus aktuellem Anlaß. Nachrufe auf König Gustav von Schweden, Marschall Mannerheim, Knut Hamsum; eine Untersuchung über das Schicksal der baltischen Staaten; eine Ansprache an die Insassen eines Zuchthauses. Analysen und Meditationen voll schwerer Gedankenfracht, deren Eigengewicht immer in die gleiche Tiefe drängt: den Glauben an eine unerbittliche geistige und moralische Kausalität. Es ist Religio, die dem Durchleiden des erbarmungslosen Nichts entstiegen ist. Ihre Echtheit ist nicht zu bezweifeln. Sie wäre es auch nicht ohne so eklatante Beweise, wie sie in der Erkenntniskraft jener Aufsätze zutage treten, die den Schwerpunkt des inhaltvollen Buches bilden: das fast erschreckende Persönlichkeitspor- trät des russischen Dichters Nikolaj Gogol und die Abgründe aufreißende Definition des modernen „Martyrium der Lüge“.

Wem es um ein Verstehen des Unverständlichen im gegenwärtigen Zeitgeschehen zu tun ist, der gehe an dem Buche, an diesem Dichter nicht vorüber. –th