Nur weil die "Zeit" so plötzlich und mit solcher Schärfe in die öffentliche Diskussion geraten ist, darf der Verleger aus der ihm gebotenen Anonymität heraustreten. – Der Bundeskanzler hat in seiner großen Rede zur "Dritten Lesung" des Europa-Vertragswerks die "Zeit" wegen eines Artikels von Paul Bourdin scharf angegriffen. Bourdin hatte eine "Geheimabmachung über die endgültige Spaltung Deutschlands" zwischen Franzosen und Engländern angenommen. Er stütze sich auf präzise Äußerungen des amerikanischen Journalisten Kingsbury Smith.

Ich meine nun, daß die ganze Geschichte, soweit sie sich in der Welt, in dem Artikel von Bourdin und im Bundestag zugetragen hat, einen Mangel aufdeckt, der unsere Epoche kennzeichnet: nämlich den Mangel an sicherem Gefühl für das richtige Maß.

Wie sieht es mit der Frage der deutschen Einheit in der Welt aus? Wir wissen alle – und natürlich weiß es auch die Bundesregierung –, daß viele Franzosen ein geteiltes, schwaches Deutschland einem ungeteilten, starken Deutschland vorziehen. Wie sollte es anders sein, nach zwei sehr bitteren Kriegen, aus denen Frankreich nur durch die Hilfe seiner Freunde im letzten Augenblick gerettet werden konnte? Um so mehr muß man den Mut Schumans, des bedeutenden französischen Staatsmanns, bewundern, der einer verständlichen Empfindung seiner Landsleute Umkehr geboten hat. Das war nicht einfach; wir vergessen das zu leicht. – Man stelle sich doch einen Vertrag vor, der Deutschland verpflichten sollte, für die Befreiung der Tschechen vom russischen Joch oder für die Wiederherstellung der Einheit Rumäniens, durch Rückgabe des von Rußland den Rumänen genommenen Bessarabien einzutreten: würden nicht viele von uns sagen: "Was geht uns das an?"

Die Engländer sind Realpolitiker, durch Sieg oder Niederlage nicht leicht aus der Balance zu werfen. Sie empfinden das Unrecht des zweigeteilten Deutschlands als ein politisches Faktum, das zu Störungen führen kann. Deshalb mißbilligen sie die Teilung und treten auf unsere Seite – wenn nicht aus dem Herzen, dann aus dem Verstand. – In Amerika macht man Politik auch aus dem Herzen und dem Gefühl. Das hat Deutschland unter Roosevelt sehr geschadet. Heute kommt es uns zugute. Vor allem die Standhaftigkeit Berlins hat das Begeisterungsvermögen des amerikanischen Volkes angesprochen. Amerika steht sicherer als andere Länder auf unserer Seite im Kampf um das wiedergutzumachende Unrecht.

Man wird mir zugeben: Alles in allem genommen, ist’s eine sehr unsichere Lage! Und deshalb wird man auch verstehen, daß wir (und da spreche ich als Abgeordneter des Bundestages) so schnell wie möglich die Unterschrift der anderen unter einen Vertrag haben möchten, der sie zur Hilfe bei der Wiederherstellung Deutschlands verpflichtet. Man wird hier einwerfen: "Nur ein Vertrag?" Immerhin – ein Vertrag ist ein Wort, das man nicht ohne Schande brechen kann.

Nun – und da hatte Bourdin ganz sicher recht – werden die ewig Gestrigen in Frankreich und vielleicht auch in England nicht aufhören, das uns so wichtige (obwohl von uns immer noch nicht ratifizierte!) Ziel der europäischen Zusammenarbeit, nämlich die Wiederherstellung Deutschlands, zu bekämpfen. Aber haben nicht auch wir unsere Irrenden, ehrliche und unehrliche? Sind nicht Helene Wessel, Gustav Heinemann und Josef Wirth in unseren und anderen Landen eifrig bemüht, das Vertragswerk noch vor seiner Vollendung zu zerstören? Wir hätten wohl auch nicht gern, daß die anderen uns ernstlich des geheimen Einverständnisses mit Rußland zichtigen, nur weil Herr Wirth in Paris bei Herrn Herriot vorsprach und in der Volkskammer eine Rede gegen die Bundesrepublik hielt! Andererseits – und da hatte Bourdin ganz sicher nicht recht –: Weil ein amerikanischer Journalist mit zwei französischen Kabinettsmitgliedern eine Unterhaltung hatte, kann man nicht annehmen, daß die französische und englische Regierung hinter unserem Rücken über die Teilung Deutschlands eine heimliche Verständigung treffen sollten, und das gerade in dem Augenblick, wo sie bei ihren Völkern mit rechter Mühe einen Vertrag durchsetzen wollen, der das Gegenteil bekräftigt. Denn wozu wäre dann eigentlich all die Mühe?

Der Bundeskanzler hatte schon recht, wenn er den Artikel von Bourdin zum Anlaß nahm, die in Deutschland und im Ausland umlaufenden Gerüchte und Meldungen über diese neue Form der englisch-französischen-russischen Zusammenarbeit zu dementieren. Freilich meine ich, daß er keineswegs mit dem Dementi angesichts der nicht unbedeutenden amerikanischen Quelle mehrere Wochen nach der Erklärung von Kingsbury Smith hätte warten dürfen. Der Verzug hat sehr geschadet – wie man an dem Artikel von Bourdin sieht. Aber ich muß als Zeuge aus Bonn bekunden: Die Anforderungen an unsere Ämter stehen in argem Mißverhältnis zu der Arbeitsfähigkeit der vielen guten Beamten. Deshalb kann uns vor Fehlern niemand schützen.