Auf etwas über 50 lose zusammengehefteten, mit Schreibmaschine beschriebenen Blättern hat ein Mann namens Adolf Volbracht die „Neofaschistischen Tendenzen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und Presse“ gesammelt und durch Zitate zu belegen versucht. Sein Manuskript wurde vervielfältigt durch den sonst um Sachlichkeit bemühten „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ (Berliner Büro).

Das Unternehmen, die neue deutsche Literatur einmal nicht auf künstlerische und schriftstellerische Qualitäten, sondern auf ihre Gesinnung hin zu überprüfen, kann verdienstvoll sein. Das Ergebnis könnte eine Beruhigung für alle die werden, die einen neuen 30. Januar bereits nahen sehen – oder aber auch zu einem Alarm für die Leichtfertigen, die jeden Rückfall für ausgeschlossen halten. Denn der aktuelle objektive Geist manifestiert sich immer noch am klarsten im geschriebenen Wort – er ist darin gefangen und muß sich dem sorgfältigen und redlichen Beobachter stellen.

Adolf Volbrachts Zusammenstellung jedoch läßt alle Sorgfalt, jedes Einfühlungsvermögen in Texte, jede wissenschaftliche Genauigkeit beim Zitieren vermissen. Unter der Rubrik „Hitler und der Nazismus als geschichtliche Notwendigkeit“ liest man zum Beispiel aus Edwin Erich Dwingers General Wlassow: „Hitler mag für Deutschland ein Tyrann sein, von mir aus gesehen ist er jedenfalls keiner... Nein, Freunde, nein: Niemand dürfte in diesem Krieg Stalin stärken, nur um Hitler zu stürzen ...“

Einen Augenblick bitte: Was soll hier eigentlich bewiesen werden? Die „neofaschistische Tendenz“ in der deutschen Literatur oder die faschistische Gesinnung des Generals Wlassow? Denn Wlassow spricht in dem Buch diese Worte. Es ist Dwinger auch durchaus zu glauben, daß Wlassow eine solche Gesinnung gehabt hat. Der Autor hat also richtig und nicht „neofaschistisch“ gehandelt, als er seinen Titelhelden so sprechen ließ. Wohlverstanden: es geht nicht um eine Rehabilitierung Dwingers – die Leser seiner Bücher kennen die Gesinnung dieses Autors genau –, es geht um eine unhaltbare Methode, Dinge nachzuweisen, die man offenbar um jeden Preis nachweisen will. Wie zum Beispiel soll man aus folgendem Zitat „neofaschistische“ Tendenzen herauslesen? „Den Versuchen, unser Wirken als ‚neonazistisch‘ zu bezeichnen, haben wir nur eine Feststellung entgegenzustellen: Wer das Schicksal unseres Volkes gestalten ... will, kann nicht auf das Gedankengut... der Vergangenheit zurückgreifen. Weder auf das Gedankengut einer... Monarchie noch auf die das Verderben von 1945 einmal vorbereitende Weimarer Zeit noch auf die des ,Dritten Reiches‘...“

Offenbar hat dem Prüfer, hier die negative Bewertung der Weimarer Republik genügt, neofaschistische Tendenzen zu konstruieren, obwohl sich der Schreiber der Zeilen ausdrücklich vom „Dritten Reich“ absetzt. Vielleicht ist der Zitierte wirklich ein Nazi – wir wollen das gar nicht bestreiten – nur aus diesen Sätzen geht es nicht hervor.

Freilich findet man in dieser Zusammenstellung auch eindeutig nazistische Zitate – doch überwiegen die fraglichen, ja die, in denen nur eine klare, kommentarlose Schilderung der Vergangenheit vorliegt (wie zum Beispiel bei den aus Bruno Brehms Buch Am Rande des Abgrunds zitierten Sätzen). Mit welcher Leichtfertigkeit ist hier eine schwerwiegende Aufgabe angefaßt worden! Und mit welcher Verantwortungslosigkeit wurde die Überschrift über die so entstandene Zusammenstellung gesetzt: „Neofaschistische Tendenzen in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur“ ... Was haben denn Hans Grimm oder Heinrich Zillich noch mit der neuen deutschen Literatur zu tun... ? Freilich: könnte man etwas mehr Vertrauen zu der Arbeitsweise des Autors haben – man könnte sich freuen, daß selbst bei diesen Schriftstellern, die man für unverbesserlich gehalten hatte, nichts Gravierenderes festgestellt wurde als die hier vorliegenden Zitate.

Wie kommt der Kongreß für die Freiheit der Kultur dazu, diese indiskutablen Blätter zu vervielfältigen und zu verschicken? Ist die Urteilskraft des Berliner Büros dieser Gruppe, die immerhin vor zwei Jahren in Berlin eine Tagung veranstaltete, auf der Köstler und Silone redeten, der wir anläßlich ihrer Pariser Tagung vor einem Jahr wirklich erregende Gespräche verdanken –, ist die Urteilskraft der Berliner Mitglieder durch die Nazi-Panik so gelähmt, daß sie jeden Maßstab verloren haben? P. Hühnerfeld