Daß sich hier ein innerpolitischer Kampf um die Macht abspielt, ist nicht zu verkennen. Der Beschluß, Malenkow durch Kruschtschew zu ersetzen, ist bereits acht Tage vor der Sitzung des Obersten Sowjets gefaßt worden. Dennoch wurde diese Maßnahme bei der Tagung, wie man doch hätte erwarten dürfen, nicht verkündigt, sondern erst, nachdem dieses Pseudo-Parlament wieder auseinandergegangen war. Welche Richtungen dabei in Ministerrat gegeneinander standen, ist unschwer zu erkennen: da sind die jungen Apparatschiks, Parteifunktionäre, die wegen ihrer Jugend an der Revolution nicht teilgenommen haben, unter Führung von Malenkow, da ist die alte Garde, deren prominentester Vertreter Molotow ist, und da ist endlich das Heer, mit der Gloriole eines überwältigenden Sieges, das infolge des Kalten Krieges immer noch nicht demobilisiert ist, im Ministerrat vertreten durch Bulganin und seine Stellvertreter, die Marschälle Wassilijewski und Schukow. Von diesen Antagonisten dürften im Augenblick wohl die Armee und die Alte Garde zusammengehen –; nur so läßt sich der Rücktritt Malenkows für die Außenwelt erklären.

Wie nun wirkt sich diese Situation auf die Außenpolitik des Kreml aus? Seit dem Tode Stalins kommen aus Moskau wieder Friedensklänge, die sich von Woche zu Woche verstärken. Wenn Malenkow in der Rede, die er an der Bahre Stalins hielt, noch drohende Worte sprach: „Unsere heilige Pflicht ist es, die mächtigen sowjetischen Streitkräfte in jeder Weise zu stärken. Wir müssen sie in Kampfbereitschaft halten, um jeden Überfall des Feindes mit einer vernichtenden Abfuhr zu begegnen“ –, so fehlen so heftige Äußerungen in seiner zweiten Rede, der vor dem Obersten Sowjet, ganz und gar. „Es gibt zur Zeit keine strittigen oder ungelösten Probleme, die nicht auf friedlichem Wege durch gegenseitige Vereinbarung der interessierten Länder gelöst werden können. Das trifft auf unsere Beziehungen mit allen Staaten zu, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Die an der Erhaltung des Friedens interessierten Länder können sowohl in der Gegenwart wie auch in der Zukunft gewiß sein, daß die Sowjetunion eine konsequente Friedenspolitik betreiben wird.“

Diese lockenden Töne fanden im Westen zunächst einen skeptischen Widerhall. Worte, schöne Worte, so hieß es, aber wo bleiben die handfesten Fakten? Einige – gewiß nicht übermäßig gewichtige – sind inzwischen präsentiert worden. Außenminister Molotow teilte dem englischen Kabinett in einer Note mit, er werde sich für die Freilassung einiger Zivilgefangener, zu denen der ehemalige englische Geschäftsträger in Seoul und mehrere Missionare. gehören, bei den Nordkoreanern einsetzen. General Tschuikow stattete dem amerikanischen Hohen Kommissar in Berlin einen Höflichkeitsbesuch ab. Er sorgte ferner persönlich dafür, daß die Verkehrsstauungen auf der Autobahn Helmstedt-Berlin gelockert wurden. Auf seinen Befehl wurde die Sperre an der Schleuse Rothensee des Mittelland-Kanals aufgehoben. Und endlich hat er dem englischen Kommandanten vorgeschlagen, eine Konferenz abzuhalten, um dieSicherheit im Flugzeugverkehr wiederherzustellen. Zur gleichen Zeit setzte Moskau über den Rundfunk seine Friedensbeteuerungen fort. Zum ersten Male seit langer Zeit hörte man wieder die Formulierung, daß die Sowjetunion nicht allein, sondern im harmonischen Zusammenwirken mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten den gemeinsamen Sieg im zweiten Weltkrieg errungen habe.

Versucht man diese Situation mit aller Vorsicht zu analysieren, so kann man folgendes feststellen: Von den möglichen Kontrahenten in Moskau, den Malenkow-Anhängern, der alten Garde unter Molotow, und der Armee, vertreten durch Bulganin, verfolgen offenbar alle gleicherweise in der Außenpolitik ein Programm der Entspannung. Dies bewies Malenkow in seinen beiden Reden, Molotow in seiner Bereitschaft, die Freilassung der Zivilgefangenen in Korea herbeizuführen, General Tschuikow mit seiner versöhnlichen Haltung gegenüber den Westmächten in Berlin. Anscheinend ist also die Außenpolitik der-Sowjetunion von den innenpolitischen Gegensätzen unabhängig. Die Staatsführung ist noch nicht konsolidiert, und infolgedessen ist keiner von denen, die um die Macht ringen, geneigt, sich auf außenpolitische Experimente einzulassen.

Natürlich bildet diese Konstellation für die Westmächte eine große Verlockung, in den ost-westlichen Beziehungen auch ihrerseits aktiv zu werden. Churchill hat sagen lassen, daß er die Äußerungen Malenkows mit Sorgfalt prüfe, und der Präsident der Vereinigten Staaten, Eisenhower, hat erklärt, er sei bereit, dem neuen Machthaber der Sowjetunion auf halbem Wege zu begegnen, um mit ihm über die Bereinigung aller strittigen Fragen zu verhandeln. Bürgermeister Reuter, der augenblicklich in den USA weilt, bot als Treffpunkt West-Berlin an. Truman hatte seinerzeit jede Begegnung mit Stalin unmöglich gemacht durch die Forderung, sie müsse in Washington stattfinden. Eisenhower hat dies vermieden. Während des Wahlkampfes hat er versprochen, er werde alles tun, um den – in den USA höchst unpopulären – koreanischen Krieg zu beenden. Er kann daher, ohne an Prestige, zu verlieren, den Machthabern des Kreml entgegenkommen, falls er dies tut, um weitere blutige Opfer zu ersparen. Man wird abwarten müssen, ob die Sowjetrussen so konkrete Vorschläge machen werden, daß es den Westmächten möglich ist, sich mit ihnen an den Verhandlungstisch zu setzen. Allerdings, der eine Mann, der Diktator, der mit ihnen als Selbstherrscher über das ganze Sowjetvolk einen Vertrag abschließen konnte, ist nicht mehr vorhanden. Heute müsssen alle Absprachen von einem Gremium ratifiziert werden. Um so interessanter und aussichtsreicher sollten daher diese Verhandlungen den westlichen Staatsmännern erscheinen. Richard Tüngel