Das „Museum am Ostwall“ in Dortmund zeigt eine Ausstellung unter dem Titel „Das neue Bauen in Holland 1922 bis 1952“. Die Fotos, denen einige wenige Grundrisse beigefügt sind, wurden vom „Stedelijk Museum“ in Amsterdam zusammengestellt. Die Reihe der Bilder beginnt mit einer Landschaft, zu der erklärt wird, daß sie dem Meer abgerungen und infolgedessen flach und ohne Akzente sei. Dies habe sich auf die Architektur ausgewirkt, denn in einer solchen Umgebung müsse der Baustil notwendigerweise einfache, harte, kantige Umrisse zeigen. Auf dem anschließenden Foto jedoch – Nummer 2 – ist die große Börse von Amsterdam zu sehen, die P. Berlage um 1900 gebaut hat. Ihre Architektur ist nicht kantig und hart, sondern bewegt, ein Muster des Jugendstils. Mit Recht wird dazu im Text bemerkt, daß Berlage die Bauformen vom Konventionellen des 19. Jahrhunderts befreit hatte, nur in das Kantige des 20. hat er sie nicht hinübergeführt. Weshalb also dieser Auftakt zur Ausstellung „Das neue Bauen in Holland“?

Berlage ist unter den holländischen Architekten der Neuzeit eine allgemein verehrte Figur. Kein gungselemente“ heißt es hier im begleitenden Text, „werden in Einheiten zusammengefaßt, wobei die einzelnen ‚Wohnformen und Wohngrößen‘ berücksichtigt werden sollen.“ Was 1922 damit begann, daß man aus ästhetischen Gründen funktionell baute, also Platten, Träger, Wände ostentativ voneinander unterschied und gegenseitig voneinander absetzte, das soll jetzt von oben her – im Städtebau – nach soziologischen Gesichtspunkten verordnet werden. Das Bauen soll nicht mehr frei sein, sich vielmehr „funktionellen“ Ordnungen unterwerfen.

Die Entwicklung, die hierzu geführt hat, begann bereits vor dem ersten Weltkrieg. Sie hatte im allgemeinen ihr Ziel schon vor 1933 erreicht. Seit dem letzten Kriege ist sie etwas ins Stocken gekommen. So ist es bei uns, und so ist es, wie die Ausstellung zeigt, auch in den Niederlanden. Das künstlerische Niveau, die Empfindsamkeit für Maßstab und Form, ist gesunken. M. R.