Die saisonalen Einflüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands konnten sich zum Winterausgang infolge der außergewöhnlichen Witterungsverhältnisse verstärkt durchsetzen. Vor allem im Investitionsgüterbereich, der schon seit Monaten unter dem Eindruck des nachlassenden Wiederaufbautrends steht, zeichneten sich Schwächetendenzen ab. Die Entwicklung in der Verbrauchsgüterindustrie dagegen wurde noch durch expansive Faktoren bestimmt. Auftragseingang, Produktion und Umsatz der Verbrauchsgüterindustrien lagen im Januar 1953 z. T. beträchtlich über dem Niveau des entsprechenden Vorjahrsmonats, während Auftragseingang und Produktion der Investitionsgüterindustrie unter dem Vergleichsmonat im vorigen Jahre lagen und nur der Umsatz die Vorjahresziffern überschritt.

In Auswirkung des vordringenden Käufermarktes für Produktions- und Investitionsgüter gaben die Erzeugerpreise industrieller Produkte weiter nach. Sie lagen, wie auch die Grundstoffpreise für Industrierohstoffe und Nahrungsmittel, im Januar 1953 um rund 2,5 v. H. unter dem Vorjahrsniveau. Während die Investitionsgüterpreise etwa den Vorjahrspreisen entsprachen, bewegten sich die industriellen Verbrauchsgüterpreise auf einem Niveau, das 5 v. H. unter dem Vorjahrsstand liegt. Mit einem Anhalten des leichten Preisdrucks ist auch weiterhin zu rechnen.

Im Vergleich zu den früheren Phasen einer starken Wirtschaftsexpansion hat sich das Wachstum der Faktoren, die den wirtschaftlichen Fortschritt bestimmen – wie Investition und Verbrauch –, im Laufe des letzten Jahres verlangsamt, ohne daß sich aber in ihrer absoluten Höhe bisher irgendwelche konjunkturell gefährlichen Einbrüche gezeigt hätten. Das seit 1952 verringerte Wachstum des Sozialproduktes wird im Hinblick vor allem auf die Stabilität des inneren Preisniveaus und die Entlastung bzw. Stärkung der Zahlungsbilanzsituation mit Recht als eine erwünschte und notwendige Normalisierung der expansiven Kräfte bewertet. Darüber hinaus hat die erhöhte Ersparnis der privaten Haushalte eine gerechtere Vermögensbildung eingeleitet, die den Ausgleich der sozialen Spannungen erleichtert.

Mit dieser Verlangsamung sind jedoch neue Probleme aufgetaucht, deren Lösung dringend wird, wenn nicht aus der erwünschten Normalisierung eine Stagnation oder sogar Schrumpfung der wirtschaftlichen Tätigkeit entstehen soll. Im Rahmen der allgemeinen Entwicklung haben sich die einzelnen Komponenten, wie Investition, Verbrauch und Sparung, sehr verschieden verhalten. Diese unterschiedliche Entwicklung ist im wesentlichen auf eine Änderung in der Herkunft der Sparmittel zurückzuführen. Zum ersten Male nach der Währungsreform war 1952 die Zunahme der Ersparnisse der Privatpersonen, d. h. der privaten Haushalte, mit einem Jahreszuwachs von 2 Mrd. DM größer als der Zuwachs der von den Unternehmungen gesparten Beträge, d. h. der nicht entnommenen Gewinne in Höhe von 1,2 Mrd. DM. Hand in Hand mit diesem ungewöhnlich hohen Ersparniszuwachs der privaten Haushalte war eine Abschwächung des Wachstums der Unternehmereinkommen und damit der nicht entnommenei Gewinne zu verzeichnen. Stärker als in den Vorjahren war die Wirtschaft darauf angewiesen, zur Finanzierung ihrer Investitionstätigkeit fremd? Mittel in Anspruch zu nehmen.

Eine steigende Ersparnisbildung der privaten Haushalte setzt, wenn nachteilige Rückwirkungen auf Beschäftigung und Einkommen vermieden werden sollen, als Ausgleich eine mindestens gleich große Zunahme der Investitionstätigkeit unter Beanspruchung fremder Mittel voraus. Die Spargelde: der privaten Haushaltungen wurden im vergangenen Jahre nicht in vollem Umfange der privates Wirtschaft zugeführt, sondern dienten teilweise der Finanzierung der öffentlichen Investitionen. Während die öffentliche Hand durch weitreichende Steuervergünstigungen die privaten Sparer zu langfristigem Konsumverzicht veranlassen und sich so mit langfristigen Finanzierungsmitteln versorgen konnte, war die Privatwirtschaft bei der Fremdfinanzierung vorwiegend auf die über den Bankenapparat bereitgestellten kurzfristigen Kredite angewiesen, da ihr der Zutritt zum Kapitalmarkt im engeren Sinne noch weitgehend verschlossen blieb. Die Bedingungen, zu denen der Wirtschaft diese Bankkredite zur Verfügung gestellt werden, entsprechen aber vielfach den tatsächlichen heutigen Erträgen nicht mehr. Um zu verhindern, daß die Bereitschaft der Wirtschaft nachläßt, bei einer weiterhin hohen Sparneigung der Verbraucher ihre verringerten Eigenmittel durch die Aufnahme fremder Gelder zu ergänzen, ist die Anpassung der Kreditkosten an das veränderte konjunkturelle Klima dringend geworden.

Unabhängig hiervon ist die Förderung des privaten Verbrauchs durch Erhöhung der verfügbaren Einkommen im Wege der Steuersenkung zu bejahen. Auch wenn im Rahmen einer anhaltend hohen – oder sogar wachsenden – Sparneigung ein relativ großer Teil dieses durch Steuersenkungen erhöhten verfügbaren Einkommens gespart werden wird – was bei der gegenwärtigen Konstellation wahrscheinlich ist –, so wird doch in jedem Fall ein Teil dieser Einkommenssteigerung den Verbrauch erhöhen. Eine Verbrauchsbelebung, auch wenn ihre unmittelbare Anregung auf die Investitionstätigkeit im Anfang nur gering sein sollte, wird unter langfristigen Aspekten einen Anreiz zur Durchführung neuer Investitionsvorhaben, insbesondere von Rationalisierungsinvestitionen, bilden.