Ungefähr um die gleiche Stunde, als Stalin von seinen Getreuen zu Grabe getragen wurde, entdeckte ich auf einem Gang durch ein süddeutsches Flußtal die ersten Krokus.

Die Männer, die den Sarg trugen, waren dick vermummt und trugen Pelzmützen auf dem Kopf. Auch durch mein stilles Tal wehte der Wind noch recht kalt. Aber die Sonne, die sich durch den Frühdunst gekämpft hatte, spendete schon einige Wärme. An den Büschen und Buchenzweigen schwollen die Knospen. Ab und zu blieb ich an windgeschützten Stellen stehen und genoß das milde Licht mit geschlossenen Augen. Es war ein schöner und stiller Tag, die fernen Hügel lagen so regungslos da, als genössen auch sie den ersten Anhauch des Vorfrühlings, der nun endlich, nach einem bösen und verstockten Winter, in unser Land gekommen war.

Die Krokus, die ich sah, waren blau und gelb. Sie schauten so zaghaft aus dem noch farblosen Grase hervor, als sei es ihnen nicht leicht gefallen, durch die spröde Erde zu dringen. Aber nun waren sie da.

„Das hast du nicht verhindern können, alter Sünder“, murmelte ich hinter dem toten Stalin her, „ich freue mich, die Grenzen deiner Macht an einem so reizvollen Beispiel zu erkennen. Du konntest zwar die Welt in Angst halten, ja, es fiel dir nicht schwer in den letzten Jahren, uns vor lauter Sorgen halbverrückt zu machen, aber die Krokus sind doch gekommen, und da stehen sie stillvergnügt im Gras, noch ein wenig gebrechlich zwar, aber von sanfter zweckloser Schönheit, über die auch du und deinesgleichen keine Gewalt haben.“

So erlebte ich, durch das einsame Flußtälchen wandernd, meinen bescheidenen Triumph über den mächtigsten Mann der Erde, der soeben von seinen Nachfolgern im Sarg dahingetragen würde. Der Anblick der Krokus war es, der meinen Gedanken eine gänzlich unpolitische Richtung gab. Zu Hause hatte ich am Morgen aus einer ausländischen Zeitung ein Schaubild ausgeschnitten, dessen Zweck es war, die neuen Machtverhältnisse in der Sowjetunion anschaulich zu machen. Eine Anzahl von Quadraten und Kreisen, in denen fast immer der Name Malenkow stand, war durch Linien miteinander verbunden und rief die Vorstellung eines endlos durchdachten und dutzendfach verzahnten Gefüges hervor. Ja, so sah sie eben aus, die Macht dieser Welt. Sehr menschliche Züge hatte sie ja nicht gerade aufzuweisen; dafür aber war sie sicher geeignet, den Angstzustand, in dem die Menschheit lebt, aufrechtzuerhalten und je nach Bedarf mit einfachen Griffen zu steigern und zu mildern, wie man die Temperatur in der Backröhre eines elektrischen Herdes regelt.

Die Krokus, so dachte ich, sind für uns kleine Leute da, aber leider auch die Angst, deren Schöpfer der sanft entschlafene Tyrann war. Jeder von uns hat seine eigene Lage durchdacht, als er die Todesnachricht erfuhr. Jeder von uns hat sich zunächst überlegt: Muß ich nun weiter Angst haben? Leider zeigte sich schon bei flüchtigem Nachdenken, daß die Frage zu bejahen ist. Die Angst geht weiter, aber Stalin hat sie geschaffen. Der ganze Erdkreis ist von bösen Träumen heimgesucht und lebt am Rande eines Abgrundes, in den genau hineinzuschauen nicht ratsam ist. Darf ich Pläne machen, darf ich ein Haus bauen, darf ich Kinder haben, darf ich mich auf die nächsten Ferien freuen, kurzum, darf ich mich vorsorgend und planend auf die Zukunft verlassen? – das sind Grübeleien des Menschen von heute. An ihrem Ursprung steht der Mann, dessen Leib jetzt, mit Paraffin und Kosmetika behandelt, unter der Wölbung eines Monuments bestattet wird. Er hat unser Lebensgefühl mit Unruhe und bitterer Resignation durchtränkt. Und wenn man nun an einem Vorfrühlingstag in der Sonne ausruht und diesen Tod auf nichts weiter als auf das eigene, kleine und belanglose Privatleben, das man führt, bezieht, dann bringt man es nicht fertig, den toten Mann in der weltgeschichtlichen Perspektive zu sehen und ihm die Majestät des Todes zuzubilligen. Nein, die Leichenrede, die wir ihm halten, bleibt in den irdischsten Grenzen. Er ist dahin, der Vater der Angst, und nichts kann uns mit dem Erbe versöhnen, das er uns hinterläßt. Denn auch dies Erbe besteht aus Furcht, Ratlosigkeit und Unruhe.

Kein „trotz allem“, nichts von „gigantischen Leistungen“, kein Wort einer wenn auch noch so widerwilligen Bewunderung! Er hat den Alliierten den Sieg gewinnen helfen, das sollen sie mit sich selbst ausmachen. Der Erfolg ist der Götze dieser Epoche. Stalin hat Erfolg gehabt. Die Macht ist das heimliche Evangelium dieser Zeit. Stalin ist die Verkörperung der Macht gewesen. Vielen Leuten in der westlichen Welt läuft beim Gedanken an so viel Erfolg und an eine so perfektionierte Macht das Wasser im Munde zusammen. Der ganze Masochismus und der rätselhafte Selbsthaß des Abendlandes werden an diesem barbarischen Prachtgrabe fühlbar: wie gut ist ihm alles gelungen, und wie lau und schlecht betreiben wir das Geschäft der Selbsterhaltung! Zahllos sind in unserem Kulturkreis die Menschen, die den östlichen Tyrannen verstohlen bewundern, weil ihm niemand dreinredete, weil über ihn und sein Land nur das bekannt wurde, was er lautbar werden lassen wollte, weil die Russen ihm gehorchten und ihn nicht mit sozialen Forderungen störten. „So kann man regieren!“ hat manch einer gedacht und denkt es noch.