Wie und was muß ein deutscher Autor geschrieben haben, der in wenigen Monaten auch heute noch mit einem teuren Buch eine Auflage von 20 000 erreicht? Denn Werner Bergengruens neuestes Buch, „Der letzte Rittmeister“ (Nym-Nienburger Verlagshandlung, DM 14,80) hat, seit es Herbst vergangenen Jahres erschien, diese Auflagenhöhe erreicht. Dieser Erfolg ist für ein erzählerisches Werk der deutschen Literatur ungewöhnlich, zumal wenn der größte Teil des Buches, wie hier, Novellen einnehmen.

Der letzte Rittmeister“ ist ein merkwürdiges Buch. Einem Publikum, das aus Literatur und Erfahrung den Krieg als dreckigen Schauplatz menschlicher Erniedrigung kennt, lobt Bergengruen den ritterlichen Soldaten. Sein Held, ein exilierter Dragonerkapitän des letzten Zaren, hat die grausigen Todeskämpfe der weißen Armeen mitgemacht. Aber nicht von ihnen handeln seine Reden und Erzählungen. Der Glanz „letzter Rittmeisterei“, der chevaleresk-romantische Zauber altmodischen Soldatentums, der in den Materialschlachten des 20. Jahrhunderts endete, ist das Thema dieses Buches.

Also eine Verklärung von Zeiten, die sich nur deshalb freundlicher beurteilen lassen, weil die Zeugen für all ihr Blut und Leid längst zu Staub geworden sind? Denn der Rückzug über die Beresina erscheint gewiß nur dem nachgeborenen Feuilletonisten wie ein Zinnsoldatenschauspiel mit mutigen Rössern und blitzenden Epauletten, nicht aber dem Grenadier, der dabei war. Und ein Standgericht unter Oberst Tieffenbach war gewiß kein Marionettentheater, bei dem der Füsilierte nach verflogenen Pulverrauch wieder aufstand und sich zierlich vor den Messieurs verneigte.

Nein, Bergengruen will auch gar nicht „Zelte, Posten, Werdarufer“ romantisch aufpolieren. Es geht ihm um ein Bild des Menschen, der sich im Vorrücken, Weichen und Fallen der größeren Ordnung noch bewußt war, in der er seine Partie gegen Gott und Schicksal gewann oder verlor.

Nicht umsonst hat der Autor, der so viele seiner Erzählungen im historischen Milieu angesiedelt hat, stest erklärt, ihn interessiere die Historie eigentlich gar nicht. Sie diene ihm als einfacheres Modell menschlicher Zustände, als es die Gegenwart sein könne, und erlaube ihm, der Moderne im historischen Spiegel das Bild einer „heilen Welt“ vorzuhalten.

Seinem Helden begegnet Bergengruen in der heiteren Landschaft um Ascona am Lago Maggiore. Dort läßt er ihn kärglich, aber nobel von altertümlichen Vedoutenbildchen leben, die der „Capitano“ für Touristen als Erinnerungen anfertigt „wie ein nicht ganz unbegabt malender Rittmeister aus der Zeit Nikolaus I.“ Der Zarenoffizier ist „wie alle großen Erzähler“, ein „mündlicher Mensch“, und wie alle Fabulierer von Geblüt genießt er seine eigenen Geschichten beim Erzählen.

Auch dieser Zug steht im Kontrast zur Moderne: nicht auf Fakten und Informationen kommt es an, sondern auf das Kurios-Beiläufige, auf die Glosse zur Weltgeschichte, auf die geheime Transparenz auch noch der abseitigen Anekdote. Ob von der großen Petersburger Redoute, vom Schuheputzen, vom Zigarettenstopfen oder von „Apokalyptischer Reiterei“ (bei der der Rittmeister „nicht stehen möchte“, denn er hat nun einmal bei den Dragonern gedient) die Rede ist: das gilt alles gleich.