Zwischen einem Artikel „Stalin, der Marxismus und die Wissenschaft“ von Madame Joliot-Curie und „Stalin und Frankreich“ von dem Herausgeben Aragon prangte kürzlich auf der ersten Seite der linksgerichteten französischen Wochenzeitung „Les Lettres Françaises“ eine Stalinzeichnung von Pablo Picasso, die inzwischen die Runde durch die Tageszeitungen der Welt gemacht hat. Picasso ist also wieder einmal in aller Munde. Wie er es ohne Mühe vereinbart, zugleich Millionär und Kommunist zu sein, so ist er auch immer und diesmal wieder mit glücklicher Hand zugleich Künstler und Kaufmann und Manager in eigener Sache.

Während sich nun die westlichen Kollegen Picassos und Kunstkenner darüber mokieren, daß diese Kondolenzzeichnung Stalins, soweit es die Reproduktion wiedergibt, einfallslos und schwach, „keine gute Zeichnung“ und seiner nicht würdig sei, ist „Genosse Picasso“ von der Moskauer Zentrale und dem französischen Parteibüro in der Pariser Kommunistenzeitung „L’Humanité“ wegen des Mangels an realistischer Kunst in dieser Porträtskizze gerügt worden, und Aragon wurde aufgefordert, eine Selbstkritik über seinen faux pas in seiner Zeitung zu veröffentlichen. Obwohl eine Meisterhand den Zeichenstift führte, fehlt der Zeichnung offenbar die Linie, die in Moskau zählt. Sie zeigt einen idealisierten Jünglingskopf mit träumenden Augen und einem nicht einmal martialischen Schnurrbart, der sogar, wie deutlich erkennbar ist, beim Zeichnen reduziert wurde. Sie zeigt nicht das vom Parteibüro verlangte machtvolle Diktatorenhaupt. Und zweifellos fehlt ihm ein Schnurrbarthaar...

„Ich kann das nicht verstehen“, äußerte sich inzwischen Picasso erstaunt in Valloris, und Beobachter berichten, daß bei seinen Worten in den Augen des Meisters humorvoller Spott leuchtete. „Aragon hat mich aufgefordert, für seine Kondolenzseite für Stalin etwas beizusteuern. Weil ich ein Maler bin, habe ich eine Zeichnung geschickt. Ich habe Stalin nie gesehen, aber ich habe mein Bestes getan, um sie ähnlich zu machen. Vielleicht hat man gefunden (und es ist möglich), daß es nicht meine beste Zeichnung ist oder daß sie nicht ähnlich genug ist. Ich habe sie mir noch einmal angesehen, aber ich kann wirklich nichts Herausforderndes daran finden. Sie hat nicht gefallen? Na, schön! (Tant pis!) Aber im allgemeinen ist es nicht üblich, die Leute auszuschimpfen, die ihr Beileid ausdrücken. Man versucht nicht, die Tränen eines Menschen zurückzudrängen, der einem Sarg folgt. Es ist üblich, sich zu bedanken, selbst wenn der gespendete Kranz nicht schön ist oder wenn die Blumen halb verwelkt sind.“

O Picasso! Auch wenn man in Südfrankreich ganz nahe der paradiesischen Côte d’Azur zuweilen das Vergnügen hat, sollte man wohl langsam wissen, daß die Sowjets sich nicht an das halten, „was üblich“ ist, daß sie keinen Wert auf Umgangsformen und bürgerliche Anstandsregeln legen. Wann wird Genosse Picasso begreifen, daß die Kommunistische Partei seine Berühmtheit nur für ihre Zwecke mißbraucht und ihn und die hinter ihm herlaufenden intellektuellen Snobs dennoch verachtet, auch wenn er ihnen noch so viele Friedenstauben schickt?

Die Definitionen der Kommunisten über den „sozialistischen Realismus in der Kunst“ und damit über die Möglichkeiten des Künstlers unter ihrem Regime dürften Picasso doch wohl nicht entgangen sein. Wir können nur hoffen, daß es uns und dem berühmten alten Mann, der gläubig oder zynisch, leichtfertig oder böswillig mit den roten Machthabern liebäugelt oder spielt, erspart bleibt, mit den schlechten rauhen Umgangsformen der Sowjets noch nähere Bekanntschaft zu machen, als er es soeben tat. E.