Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, im März 1953

In Düsseldorf auf dem Flugplatz Lohausen hatte der letzte Akt begonnen. Die Polizei nahm Dr. Josef Wirth; Wilhelm Elfes und Rosel Hillebrand von der „Deutschen Sammlung“ die Interzonenpapiere ab. Aber das kann Leuten, die in Richtung Berlin-Ost reisen, nicht anfechten. Zehn Stunden später standen sie – man frage nicht über welche Grenze, mit welchen Papieren, mit wessen Devisen – auf dem Flugplatz Brüssel. Und wenig später saßen sie – man frage nicht, auf wessen Veranlassung, mit wessen Genehmigung, mit welchem Flugschein – in einer Maschine der polnischen Linie LOT, die ein paar Stunden später nicht in Berlin-Tempelhof, wie alle anderen Flugzeuge aus Westdeutschland, sondern in Berlin-Schönefeld landete. Dort, in Schönefeld, ist der volksdemokratische Start- und Landeplatz – der Ankunftshafen für geheimnisvolle Gäste aus Moskau. Und wie es fast nicht anders sein konnte, stand am Flugplatz in Berlin-Schönefeld Herr Matern, der Vorsitzende der ostzonalen Volkskammer, mit ein paar anderen Prominenten und hatte die obligaten Chrysanthemumsträuße für jeden Ankommenden mitgebracht. Das war der Festempfang für Dr. Josef Wirth und die Seinen, obwohl Wirth ja wahrlich nicht das erstemal zu Ulbricht, Grotewohl und auch wohl Botschafter Semjonow in Berlin-Karlshorst gekommen war.

So sprach denn der „Altreichskanzler“ und Freiburger Stammtischpräsident in Ost-Berlin am Tag nach der Zustimmung des Bundestages zu den West-Verträgen vor der sogenannten Volks- und Länderkammer der Sowjetzone. Auch Frau Rosel Hillebrand aus München sprach dort. Sie sah von ihrem Manuskript nicht auf und konnte also das bittere Lächeln ihrer Hörer nicht sehen, als sie sagte: „Ich spreche hier als Sozialdemokratin vor den gewählten Vertretern der Deutschen Demokratischen Republik.“ Die dort saßen allerdings, sind niemals gewählt worden, und sie selbst wurde von ihrer Partei seit langem ausgeschlossen. Und Dr. Wirth ließ sich von seinem Alterskollegen, dem Ost-CDU-Vorsitzenden Otto Nuschke, gestützt, ans Rednerpult geleiten, um von dort aus von seiner so langjährigen politischen Laufbahn, die jetzt ihre „herrliche Krönung“ fände, etwas träumerisch zu erzählen. Er wurde in Ost-Berlin von Grotewohl als der Chef der „Deutschen Sammlung“ willkommen geheißen. Und in den fünfzehn Minuten seiner Volkskammer-Rede sagte er sechsmal, „wie eine Lawine“ schwelle die Sache der „Deutschen Sammlung“ in der Bundesrepublik an. Mehrfach wurde versichert, fünfzehn Millionen Westdeutsche seien bereits Mitglieder oder Anhänger der „Deutschen Sammlung“. Grotewohl nannte die Herren Wirth und Elfes und die anderen Funktionäre dieser östlichen „Bewegung“, „hochachtbare Herren aus der Bundesrepublik“. Zwölf Millionen Sowjetzonen-Bewohner und fünfzehn Millionen der „Deutschen Sammlung“, also zusammen siebenundzwanzig Millionen Deutsche, lehnten die Verträge und die Politik der Bundesrepublik leidenschaftlich ab.

Josef Wirth spricht selber sehr anerkennend von sich. Und weil er, mit guten Geldern und durchsichtigen Aufträgen, vor kurzem ein paar Tage in Paris war, erzählte er den staunenden Volks- und Länderkammerdelegierten, ganz Frankreich stehe auf der Seite der Deutschen Demokratischen Republik. Er ist beim alten Herriot gewesen, und er hat auch zwei, drei andere Franzosen in Paris gesprochen, denen ein mit Deutschland geeintes Europa unheimlich ist. So jubelt er: „Es geht aufwärts, es geht voran mit unserer Bewegung.“ Er spricht beinahe wie ein Trunkener.

Wirth hatte in Karlshorst versprochen, unter dem Begriff „Deutsche Sammlung“ werde er in Deutschland alles mobilisieren, was anti-westlich, antiamerikanisch, anti-europäisch, „pazifistisch“ und anderes dieser Art sei. Ärgerlich war nur, daß ihm vorgeworfen wurde, die Heinemann-Partei habe sich gar nicht in seine „Sammlungs-Bewegung“ eingruppieren lassen. Der weißhaarige ehemalige Bürgermeister Wilhelm Elfes aus Mönchen-Gladbach, den die CDU ausschloß, hat es hartnäckig und ganz ergebnislos versucht. Deshalb bekommt jetzt, einen Tag nach der Szene in der Ostberliner Kammer, die Heinemann-Partei den Fußtritt. „Schutz und Hilfe wird von nun an die Deutsche Demokratische Republik nur der ‚Deutschen Sammlung‘ gewähren“, drohte Ministerpräsident Grotewohl.

Wirth, Elfes und Frau Hillebrand sitzen in diesen Tagen noch in Ost-Berlin. Sie sind zusammen mit Ulbricht und den Funktionären des Politbüros, und die Russisch sprechenden Herren am Rande der Stadt achten aufmerksam darauf, was an ihnen rosenrote Romantik und mögliche Realistik ist. Die „Deutsche Sammlung“ ist Moskaus jüngstes trojanisches Pferd in der Bundesrepublik.