Die Künstlervereinigung „junger westen“ stellt in der Kunsthalle von Recklinghausen aus. Dieser Verein ist ein Zusammenschluß von Malern und Bildhauern jener Richtung, die man als „abstrakte Kunst“ zu bezeichnen pflegt. Das Wort „jung“ in dem Titel soll nicht das Lebensalter der Mitglieder bezeichnen – der Jüngste unter ihnen ist 1915 geboren, also heute hoch in den Dreißigern. „Jung“ bedeutet, daß man sich selbst als künstlerische Jugend des Westens empfindet. Diese neue Bewegung verläuft also in anderer Richtung als jene, die im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts mit der „Brücke“ in Deutschland und den „Fauves“ in Frankreich den Stil der bildenden Kunst verwandelte. Damals schlug die Jugend die Älteren aus dem Felde, heute wollen die Älteren die Jugend lehren, was „jung“ sein heißt. Gewiß, sie haben zu ihrer Ausstellung auch einige jüngere Maler eingeladen. Im Katalog jedoch werden diese nicht als gleichberechtigt, sondern unter dem Titel „Künstlernachwuchs“ aufgeführt. Sie sind noch zu jung, um „junger Westen“ sein zu können.

Betritt man das Erdgeschoß der Recklinghauser Kunsthalle, so findet man von den programmatischen Werken, die man erwartet, nichts, dagegen Webereien, Plakatentwürfe, Gardinen und Tapeten. Hierfür muß man dem Leiter der Ausstellung, Thomas Grochowiak, danken. Er hat, in dem Bestreben, den Einfluß der „jungen kunst“ auf vielen Gebieten zu zeigen, Beispiele aus der angewandten Kunst, aus der Architektur und der Bühnendekoration ausgewählt, die ihm mit dem Programm seiner Künstlervereinigung vereinbar schienen, und auf diese Weise sind wirklich interessante Vergleichsmöglichkeiten entstanden. Da sind Stoffe und Entwürfe der Textilingenieurschule Krefeld, der Mechanischen Weberei Pausa A. G., des Stoffdruck Habig, denen niemand modernen Stil und Qualität absprechen wird. Da sind Vorhänge der Stuttgarter Gardinenfabrik, die in ihrer hellen Farbzusammenstellung und den ganz freien, amüsanten und in maßstäblich hervorragenden Mustern wirklich vorbildlich sind. Da hängen Rasch-Tapeten, die mit viel Phantasie nutzbar machen, was sich Illustrations- und Plakatkunst an Freiheit erobert haben, so in einer hellgrauen Tapete für ein Kinderzimmer, auf die in gedämpftem Weiß die Konturen von Häusern, Kirchen, Gärten, Türmen und Fischteichen aufgedruckt sind. Daneben liegen in Vitrinen Entwürfe für Werbeumschläge, Plakate und Signets; sie dienen einem Zweck, sie müssen wirken und deshalb verstanden werden. Und nicht anders geht es mit den Bühnenbildern, den sehr vorzüglichen vor allem des Malers Schulz aus Hannover.

All dieses Nebenbei nun, das Grochowiak aufgeboten hat, um die eigentliche Ausstellung zu stützen, tut ihr Abbruch. Hier nämlich – im Nebenbei – ist alles werkgerecht, stimmt der Maßstab, ist die Komposition zweckentsprechend, ist der farbige Klang vorzüglich. Der eigentlichen Ausstellung des „jungen westen“ kann man dieses Lob nicht zuerkennen. Die Mitglieder der Vereinigung haben in ihrer Malerei fast alle ein Schema entwickelt, das so aussieht: Man setze breite schwärze Striche auf die Leinwand – in beliebiger Form – und fülle die Zwischenräume mit starken reinen Farben aus. Das ist ein Rezept, das bereits die Kunstgewerbeschulen von 1912 kannten, und es. ist durch, sein Alter nicht besser geworden. Natürlich erhält ein solches Bild eine gewisse Leuchtkraft, aber sie ist weder sauber, noch nachhaltig im Eindruck, weil nämlich diese Maler – ein Winter etwa oder ein Trier – überhaupt kein Verhältnis zur Materie in der Farbe haben. Dieses Schwarz, dessen sie sich bedienen, hat nichts von der Luzidität, der Durchsichtigkeit, die diese Farbe haben kann, es ist entweder stumpf wie Ofenruß oder glänzend wie Stiefelwichse. Und nun stelle man sich eine Ausstellung von 127 Bildern vor, bei der höchstens ein Dutzend sich nicht dem billigen Schema der Schwarzmalerei hingeben.

Und die anderen? Da sind zunächst Meistermann und seine Nachfolger. Ihre Malerei ist dem Intellekt entsprungen und nicht einem ursprünglichen malerischen Gefühl. Sie mißhandeln die Farben auf abscheuliche Weise. Sie tragen die Farben auf die Leinwand auf, verreiben sie dann mit Öl und Terpentin, um auf diese Weise einen Akkord – aber einen falschen –, der über den Mißklang hinwegtäuschen soll, zu erreichen. Und für jene, die in der Malerei so sündigen, die Schwarzmaler wie die Farbenreiber, gilt noch ein Zweites: sie haben fast alle nicht den geringsten Begriff von dem, was in der bildenden Kunst Maßstab bedeutet. Sie kennen nicht einmal die elementare Regel, daß nämlich in jedem Kunstwerk einmal der geringste Maßstab vorkommen muß, den das Material erlaubt, damit von ihm aus alle übrigen Maße Rang und Ordnung erhalten.

So wäre denn in dieser Ausstellung nichts zu loben? Doch, da sind einige Maler, die ein echtes Verhältnis zur Farbe haben, die Englert und Ober (sie gehören allerdings zum Nachwuchs). Und Empfindung für Maßstab haben Prechtl (Nachwuchs) und Deppe. Man sollte ihnen raten, sich schleunigst von dieser zerebralen Vereinigung zu lösen. Die Entwicklung des so viel versprechenden Berliner Malers Rudolf Kügler (Nachwuchs) sollte sie schrecken. Wie frisch und wirklich künstlerisch waren die Bilder, die er als Ergebnis seiner Marokko-Reise im Hamburger Kunstverein ausstellte, und wie verquält und malerisch reizlos ist das, was in Recklinghausen hängt, was unter dem Druck eines snobistischen Kunstregimes der „Abstrakten“ entstanden sein dürfte, dem heute nur noch wenige sich zu widersetzen wagen.

Und noch etwas hebt sich in dieser Ausstellung heraus. Da sind die Maler Grochowiak, Siepmann und Werdehausen, die die Bildfläche sehr sauber, pedantisch mit exakt angepinselten Flächen füllen, und diese Bilder passen zu den Photos moderner Bauten, den Bühnendekorationen, den Stoffen und Tapeten. Man braucht nur die törichten Bildunterschriften – Im Kosmos, Nocturno, Spannungsfeld, Transponierende Formen, Technischer Bezirk – fortzunehmen, und sie figurieren als das, was sie wirklich sind, rein dekorative Flächenfüllungen. Als solche können sie in einer modernen Architektur als Wandmalerei neben den modernen Tapeten für bestimmte Aufgaben durchaus am Platze sein. Vielleicht ist es überhaupt so, daß die Zeit des Tafelbildes ihrem Ende entgegengeht, es ist in seiner bürgerlichen Form nicht mehr als 500 Jahre alt, und der Versuch, seine Existenz mit Hilfe einer zerebralen Kunst zu retten, kann nur zu einer Niederlage führen.

Da wird behauptet, diese abstrakte Kunst – die völlig willkürlich und chaotisch gestaltet – sei die Entsprechung zur Welt der Technik, bei der doch Exaktheit erste Voraussetzung ist. So falsche, Definition sind für diese Kunstübung bezeichnend, die ihre Theorie aus der Halbbildung bezieht, Nicht, daß man „abstrakt“ malt, ist falsch, – das kann im dekorativen Sinne zu vorzüglichen Resultaten führen – sondern daß man sich einbildet, auf diese Weise gewaltige seelische und geistige Erkenntnisse vermitteln zu können. Es ist der Hochmut und das Sektierertum, das mit Konzilen und Personalpolitik eine wirklich junge Entwicklung zu verhindern und das Philistertum ihres Meistersingertums zu verewigen sucht, wogegen wir uns wenden. Gegen eine abstrakte Kunst, die sich in den Grenzen des Dekorativen hält, ist nichts einzuwenden, auch wenn auf diese Weise mit der Zeit das Tafelbild verdrängt werden sollte. Es hat damit wohl auch noch seine Weile. Um dekorative Aufträge zu erteilen, für Bilder also, die an bestimmte Wandflächen gebunden sind und nicht bei jedem Umzug mitgenommen werden können, bedarf es einer anderen Gesellschaftsform, als die, die heute existiert. Martin Rabe