In unserer Reihe „Gaststätten eigener Art“ empfahlen wir bisher Erholungsuchenden und Feinschmeckern besonders schön gelegene, behaglich eingerichtete Hotels und Restaurants mit renommierter Küche im Gebiet des Schwarzwalds, am Bodensee und in Holstein. Heute wenden wir uns den bayerischen Bergen zu.

In Tausenden von Bauernhäusern in Bayern haben sich von Urgroßvaters Zeiten her Stuben mit Kachelöfen, holzgetäfelten Wänden, Balken und eingebauten Uhren erhalten. Sie geben unverwüstlich Tausenden von Gaststätten Modell für ihre Gastzimmer. Die Kopie verlangt keine geistige Anstrengung und ist bescheiden in den Kosten. Fast jeder Dorfschreiner trifft den Typ. Wir sind nicht mehr erstaunt, wenn die Architekten bei Neubauten, statt sich um Eigenes zu bemühen, die ebenso beliebt wie banal gewordene Bauernstube einbauen. Aber um so mehr staunen wir, in einem alten Bau, dem eine solche Stube zustünde, etwas anderes zu finden.

Wenn man kurz hinter Rosenheim, in Frasdorf, die Autobahn München–Salzburg verläßt und durch welligen Wald in das Priental hinauf steuert, ist man schon nach vier Kilometern in Niederaschau. Das ist ein ansehnliches und sehr reizvolles Dorf, eher ein Flecken, Zentrum Cramer Klettschen Besitzes, zu dem auch das in der Nähe stehende Schloß Hohenaschau gehört. Er ist auf eine Stufedes ansteigenden Tals gebaut, und neben der Kirche steht die „Post“, von altersher die Post, und auch heute noch, jedoch nun für die Sommerfrischler im Sommer, die Wintersportler im Winter als Gaststätte neu hergerichtet. Es ist ein im Äußeren mächtiges, hohes Haus, lebhaft in Rot und Weiß gehalten. Es mag vor 1600 gebaut worden sein.

Wohl hat es unten auch noch die Bauernstube, doch nur wie eine Reverenz an das Vergangene. Sonst hat man in diesem Gebäude allenthalben Gastzimmer eingerichtet, die frühlingshaft leicht und licht wie für junge Verliebte sind. Durch die zarten Schleier der Vorhänge schaut man in die Bergwelt hinauf, deren Hänge im Winter den Skiläufern, im Sommer den Almkühen gehören.

Nur die Bar ist schwarz gekleidet, in einem eigenwilligen Geschmack. Der Maler Padua, der sie ausstattete, hat sich anscheinend von seiner ‚bäuerlichen Schönheit“ abgesetzt, denn diese Bar ist raffiniertes Stadtwerk, es kokettiert über das Schwarz mit der Strenge und gibt damit der Lebenslust, die hier ihren Schauplatz hat, einen Hintergrund, aus dessen gespieltem Charakter sie sich um so betonter vorträgt.

Dem Hotel zur Seite, mit dem Blick auf das Tal und seinen machtvollen Anstieg, liegt eine Terrasse. Gegen die sonnenlose Seite ist sie durch hohes Mauerwerk geschützt. Ein Teil, der sich an diese Mauer anbaut, ist gedeckt und nach drei Seiten teils mit Glas geschlossen, aber nach vorn ist die Terrasse in der ganzen Breite der Landschaft offen. Die eine Seite dieser Halle besteht aus einem mächtigen Kamin. Sein Feuer hat die Sonne zu unterstützen oder zu ersetzen, damit die Gäste auch mitten im Winter im Freien den Blick auf die Schauplätze ihrer Abfahrten genießen können. Was für ein Reiz, das Knistern und die Hitze der brennenden Holzklötze im Rücken und den Glanz des Winters, wie er aus dem Gebirge niedersteigt, unverwehrt im Gesicht zu haben! Die einzige Straße steigt südwärts von der Welt weg, zum Schluß nur noch Gehweg, in den Gebirgsstock des Hinteren Kaisers.

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