Im Folgenden hat der hervorragende Philosoph die Gedanken zusammengefaßt, die er unlängst bei einer Diskussion über die Frage: "Gibt es eine nicht-christliche Philosophie?" gegenüber seinen Partnern Max Bense und Hans Kudszus im Bayerischen Rundfunk entwickelte.

Gibt es eine nicht-christliche Philosophie? Seitsame Frage! Ob es eine christliche Philosophie gebe, das zu fragen hat Sinn. Schließlich heißt philosophieren, seine Vernunft auf sehr radikale Weise gebrauchen; philosophieren heißt: fragen, was der Sinn von alledem sei, das wir "das Leben" nennen oder "die Wirklichkeit", "die Welt" oder einfach "dies Ganze da". Ja, und wenn nun einer auf diese Frage nach dem Sinn schon eine Antwort hat, wenn einer glaubt, wenn einer Christ ist – wie eigentlich kann er noch auf jene besagte sehr radikale Weise seine Vernunft gebrauchen, wie eigentlich sollte er noch philosophieren können? Das zu fragen, so möchte man meinen, hat Sinn: Gibt es christliche Philosophie?

Dennoch, unsere Frage lautet nicht so. Sie lautet: Gibt es eine nicht-christliche Philosophie? Und, um das Schlimmste vorweg zu sagen, ich neige zu der Antwort: Nein! Es gibt keine nicht-christliche Philosophie! – Ist das aber nicht einfach absurd; denn abgesehen von Indien und China ... Halt, hier muß ich eine Erklärung hinzufügen, eine Einschränkung auch: ich neige (so sollte es genauer heißen) zu der Antwort: Nein, im Abendlande, in unserer westlichen Welt, in Welt-Europa gibt es keine nicht-christliche Philosophie – sofern man (noch eine Einschränkung!) unter Philosophie das versteht, was die großen Beginner und Väter der abendländischen Philosophie, Pythagoras, Platon und Aristoteles, darunter verstanden haben.

Und was haben sie darunter verstanden? Naturlich ist es unmöglich, den Philosophiebegriff dieser Großen hier in seiner ganzen Erstreckung darzulegen. Aber von zwei wichtigen Elementen dieses Begriffs muß hier die Rede sein. Punkt eins: man darf die buchstäbliche Bedeutung des Wortes Philosophie, philo-sophia, nicht bloß für etwas Anekdotisches halten. Platon jedenfalls hat die Legende, Pythagoras habe gesagt, ein Mensch könne nicht weise genannt werden, sondern höchstens ein die Weisheit Liebend-suchender (nicht ein sophos, sondern höchstens ein philosophos) – Platon hat diese Geschichte sehr prinzipiell genommen: dies sei in der Tat das Wesen der philosophischen Frage, auf eine Weisheit aus zu sein, die wir dennoch nicht "haben" können wie ein Besitztum, prinzipiell nicht, niemals – solange wir in diesem gegenwärtigen Zustand der leibhaftigen Existenz uns befinden. Weiter: Was für eine Art Weisheit ist das, die wir prinzipiell nicht zu erringen vermögen und nach welcher wir dennoch liebend zu suchen nicht ablassen, nicht ablassen können – welcher Art Weisheit soll das sein? Die pythagoreische und platonische Antwort ist völlig klar: es ist die Weisheit wie Gott sie besitzt; Gott allein kann im vollen Sinn weise genannt werden, er allein hat "die Antwort", die Wirklichkeitsdeutung aus einem Punkte (nämlich von sich selber her); Gott allein weiß das, worauf es mit der philosophischem Frage abgesehen ist: das Woher und Wozu, den Ursprung und das Ziel, das Bauprinzip und die Struktur, den Sinn und das Ordnungsgefüge der Wirklichkeit im Ganzen. – Dieses erste Element des griechischen Begriffs "Philosophie" besagt also ein prinzipiell unbefangenes Verhältnis zur Theologie, eine prinzipielle Offenheit zur Theologie hin. – Und was ist das zweite Element? Es ist folgendes: Wenn ich eine philosophische Frage stelle und erwäge, wenn ich also etwa frage Was ist, überhaupt und letzten Grundes, Erkennen?, was ist der Mensch?, was ist Wirklichsein?, aber auch: was ist – überhaupt und letzten Grundes eigentlich dieses Stückchen Materie, das ich in Gestalt eines Blattes Papier in der Hand halte? – wann immer ich so frage, frage ich zugleich nach der Bauform der Welt im Ganzen; ich trete, indem ich so frage, der Wirklichkeit als Ganzem gegenüber, und ich muß, indem ich jene – philosophische – Frage bedenke, "von Gott und der Welt" reden.

Das braucht der Einzelwissenschaftler nicht zu tun; wer nach dem Erreger einer bestimmten Infektionskrankheit fragt und forscht, braucht nicht von Gott und der Welt zu sprechen (er soll das gar nicht tun); aber wer fragt: was ist Krankheit überhaupt, letzten Grundes und "eigentlich", der kommt einfach nicht durch, der wird seinem Gegenstand nicht gerecht, wenn er nicht von Gott und der Welt sprechen wollte, er muß sozusagen (ja, buchstäblich!) mit Adam und Eva beginnen. Er kann zum Beispiel nicht von dem Problem Krankheit und Schuld, organische Krankheit und seelisch-sittliche Unordnung, absehen (er braucht nicht zu sagen, natürlich nicht: Krankheit habe immer positiv etwas mit sittlicher Unordnung zu tun, beileibe nicht; aber er muß von der Möglichkeit dieses Zusammenhangs sprechen): aber was ist Schuld und sittliche Unordnung? Wie sollte hierüber irgend etwas ins Gewicht Fallendes gesagt werden können, wenn nicht von Gott und der Welt, "von Adam und Eva her" gesprochen werden kann!

Das bedeutet: Wer eine wirklich philosophische Frage in vollem Ernst stellt und erwägt, der ist, aus der Natur der Sache, nicht befugt, irgendeine Wahrheit, irgendeine Einsicht, irgendeine Kenntnis von irgendeiner Realität formell aus der Betrachtung auszuschließen, ganz gleich, ob es sich um Auskünfte der exakten Wissenschaft oder des Glaubens und der Theologie handelt (freilich, solange solche theologischen Auskünfte wirklich als eine Auskunft über Wirklichkeit gelten!). Wenn einer, in der Erörterung einer philosophischen Frage, etwa aus Gründen irgendwelcher methodischen Sauberkeit –, wenn einer bestimmte Aspekte der Wahrheit von vornherein ausschließen wollte, wenn einer sich weigern würde, wirklich von Gott und der Welt zu reden: dann würde er im gleichen Augenblick aufhören, wirklich philogleichen zu fragen, er würde einfach gar nicht mehr wirklich nach dem letzten Wesen, nach den tiefsten Wurzeln fragen, das heißt, er würde den eigentlich philosophischen Charakter der Frage zerstört haben.

Dies ist, wohlgemerkt, die Meinung Platons; es handelt sich nicht um eine "christliche" Interpretation! Nein, es ist hier von einem Element des Philosophie-Begriffs die Rede, wie die Antike ihn entfaltet hat. Es ist Sokrates, der sagt, man müsse sich an die Auskünfte derer halten, die weise sind in den göttlichen Dingen, nämlich an die Auskünfte der Priesterinnen und Priester, auch der Dichter ("soviele deren göttlich sind") – man müsse sich daran halten, wenn man etwa darüber ins Reine kommen wolle, wie eigentlich (überhaupt und letzten Grundes) Lernen und Lehren vor sich gehe. Es ist Platon, der bei der Erörterung der Frage, was eigentlich und letzten Grundes die Liebe, der Eros, sei, die Geschichte vom urzeitlichen Sündenfall erzählt, vom Verlust der ursprünglichen Heilheit und Ganzheit des menschlichen Wesens – eine Geschichte, die zweifellos "Theologie" ist. Und wenn nun jemand Platon auf die Schulter geklopft hätte, um ihn darauf hinzuweisen: hier liege nun aber eine Grenzüberschreitung vor, das sei nun nicht mehr "reine" Philosophie, sondern eben Theologie, Glaube, Offenbarung, Mythos – es ist zu vermuten, daß Platon recht verwundert geblickt haben würde; und seine Antwort würde wohl gelautet haben: der wahrhaft Philosophierende interessiert sich nicht für Philosophie, sondern für die Wurzeln der Dinge; und wenn du die Auskunft des Mythos über die Wurzeln der Dinge, über das letztgründige Wesen von Eros, abweisest – wie soll ich dir dann glauben, daß du wirklich, im Ernst, nach den Wurzeln der Dinge forschest?