K. W. Berlin, im März 1953

In Mues bei Schwerin gibt es eine Bezirksparteischule der Ost-CDU, die seit einem, Jahr "Gerald Götting-Schule" heißt. Von nun an aber soll sie diesen Namen nicht mehr tragen, hat Gerald Götting, der 32jährige Generalsekretär der Ost-CDU, bestimmt. Die Parteischule sei zu einer "Herberge der Banditen" geworden. Tatsache ist, daß ihr Leiter, Würferling, und der Ost-CDU-Vorsitzende von Schwerin, Pätz, sich in Westberlin als Flüchtlinge gemeldet haben...

Es sind nicht die einzigen Ost-CDU-Funktionäre, die in der Flüchtlingswoge in Berlin angespült wurden. Dabei ist Götting, der ihre Fluchtvorbereitungen nicht bemerkte, seinen östlichen Auftraggebern seit langem für die "Wachsamkeit" in seiner Partei verantwortlich. Er selbst wurde wach, als Dertinger Anfang des Jahres verhaftet wurde. Dertinger hatte Götting systematisch gefördert, so daß er jetzt von allen "Generalsekretären" der Ost-Parteien nächst Ulbricht den besten Kontakt zu Karlshorst besitzt. Insbesondere sollte Götting in den Kirchengemeinden Propaganda für Moskau treiben. Belastet durch Dertingers frühere Gönnerschaft, ging er dabei so eifrig zu Werke wie nur möglich. Nun aber, da die Periode des "friedlichen Entgegenkommens" offensichtlich abgeschlossen scheint, sind Pfarrerverhaftungen und Pfarrerverurteilungen an der Tagesordnung. Der Pfarrer Reinhold George ist nach dem Gottesdienst in der Ostberliner Marienkirche verhaftet worden, der Hallenser Kirchenhistoriker Professor Kurt Aland und der Studentenpfarrer Johannes Hamel sind verschwunden, die Pfarrer August Brandt aus Mecklenburg, Werner Gestrich und Erich Schumann aus Chemnitz sind zu hohen Zuchthausstrafen wegen angeblicher "Boykotthetze" verurteilt worden.

Gotting hatte den Spezialauftrag, die in der Sowjetzone rege blühenden "jungen Gemeinden" der evangelischen Kirche unter die Fittiche des stalinistischen Geistes zu nehmen. Doch diese "jungen Gemeinden" – die sich als eine Sammlung der Pfarrjugend herausstellten, weil außerhalb der FDJ keine Jugendorganisationen existieren dürfen – haben sich mehr und mehr immun gezeigt gegen den stalinistischen Totalitarismus. Gottings Spezialaufgabe, die christliche Jugend der Sowjetzone moskaureif zu machen, ist also gescheitert. Kürzlich sprach er selbst es vor dem politischen Ausschuß seiner Partei aus, daß die "jungen Gemeinden" heute "Widerstandszentrum gegen die neue demokratische Ordnung" seien, die verhinderten, daß die jungen christlichen Menschen in das "Lager des Friedens und Fortschritts" fänden. Und jetzt hat Götting auf einer Parteivorstandssitzung eine neue Säuberung seiner schon ein halbes dutzendmal ausgekämmten Partei angekündigt. Nur so noch sieht er die Möglichkeit, die stumpfen Reste der Ost-CDU zum Instrument des Staatssicherheitsdienstes zu machen.