Das goldene Augsburg ist wieder eine Stadt von Weltweite

Das "Goldene Augsburg" – hieß es einst, und dazu gab es den Spruch: "Mit der Venezier Macht, der Augsburger Pracht, der Ulmer Geld, waer’ ich der Herr der Welt". Etwas wehmütig zitierte ihn der Oberbürgermeister Klaus Müller. Er hat sich um den Wiederaufbau der Stadt sehr verdient gemacht – aber wo ist, nach solchem Bombenregen, die alte Pracht? Freilich haben auch die Ulmer kein Geld mehr, und wenn sie’s hätten, sie würden es selber brauchen.

Eine faustgroße künstliche Zirbelnuß steht auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters. Das ist das Wappenzeichen der Stadt, entwickelt aus dem italienischen Pinienzapfen, dem Sinnbild der römischen Kolonien. Augsburg ist ja die älteste rechtsrheinische Stadt Deutschlands, gegründet im Jahre 11 vor Christus, im Namen des Kaisers Augustus, von dessen Stiefsohn, dem nachmaligen Kaiser Tiberius. Augusta Vindelicorum hieß sie damals und war ein wichtiges Verwaltungs- und Handelszentrum, Hauptstadt der Provinz Raetia-Vindelida. Ein halbes Jahrtausend lang nahm sie an der römischen Weltreichskultur teil. Durch diese Stadt hindurch führte die große Straße, die Via Claudia, die die Donau mit dem Tiber verband. Doch dann durchbrachen die Schwaben den Limes. "Sie haben gründliche Arbeit geleistet", sagte der Oberbürgermeister. "Nur unter der Erde findet man noch römische Kunstschätze." Alles übrige wurde zermalmt, die marmornen Tempel, das Forum, die so komfortablen Villen mit Zentralheizung und ihren weiten, säulenumrahmten Innenhöfen.

Früh kam das Christentum nach Augsburg. Die Schutzpatronin der Stadt, die heilige Afra, hat hier, im Jahre 304, am Ende der Diocletianischen Verfolgung, den Feuertod erlitten. Eine uralte Tradition behauptet auch, daß die Dritte Syrische Legion, die bei der Kreuzigung in Jerusalem war, nachher nach Augsburg verlegt würde. Historisch steht fest, daß einer der kaiserlichen Provinzgouverneure, mit dem Sitz in Augsburg, ein gewisser Claudius Paternus Clementianus, nach dem Fall von Jerusalem das Amt übernahm, das einst Pontius Pilatus innehatte.

Ein kontinentales Hamburg

Aus den Trümmern einer ruhmreichen Vorzeit erhob sich das mittelalterliche Augsburg, eine reiche, prunkende und doch nüchterne Stadt. Eine Stadt von Kaufleuten, ein kontinentales Hamburg. Kupferbergwerke und Silberminen in Tirol, Thüringen, Spanien und Südamerika, und Handel zu Land und zu Wasser, auf eigenen Schiffen von Hamburg aus, von Genua und Venedig – das waren die Quellen des Reichtums. In Venezuela, in der Levante, in afrikanischen Handelsstationen haben sich die Fugger und die Welser ganze koloniale Reiche geschaffen. – "Es ist auch wissentlich und liegt am Tag", schrieb Jacob Fugger "der Reiche", an Kaiser Karl V., "daß Euere Majestät die römische Krone ohne mich nicht hatte erlangen mögen". Mit einer halben Million Golddukaten hatte er bei den deutschen Kurfürsten die Bestechungsgelder des Königs Franz I. von Frankreich überboten.

Karls Reich, in dem die Sonne nicht unterging, ist längst zerfallen. Aber ein kleines Reich, geschaffen durch Jacob Fugger, lebt noch heute: Es ist die "Fuggerei", die erste Sozialsiedlung der Geschichte, und Vorbild aller späteren, der Krupps und der Roechlings im 19. und 20. Jahrhundert. Die Stiftungsurkunde wurde 1516 ausgestellt. Arme alte Leut’ katholischen Bekenntnisses sollten in der Fuggerei "ohne merkliche Beschwerd durch einen Hauszins ergötzt werden und ihre Behausung bequemlich gehaben und bewohnen können". Die Jahresmiete beträgt einen Rheinischen Gulden, umgerechnet zu 1,71 DM, auch heute noch. Mißtrauisch gegenüber dem Gelde, obgleich er nach heutigen Begriffen 50 Millionen Vorkriegsgoldmark besaß, hatte Jacob Fugger seine Stiftung mit Wäldern und Ländereien ausgestattet. Auch eine Bierbrauerei gehörte dazu, und das ist noch heute so. – Die Fuggerei besteht aus 53 Häusern mit 106 Dreizimmerwohnungen. Und im Sinne dieser Tradition hat das moderne Augsburg nunmehr am Roten Tor, unter den Auspizien des Magistrats, ein ganzes neues Viertel für den sozialen Wohnungsbau geschaffen.