Von Paul Bourdin

Die Reise des deutschen Bundeskanzlers nach Amerika stellt den ersten Staatsbesuch eine? deutschen Regierungschefs in den Vereinigten Staaten dar. Damit hat sie neben dem Reiz der Neuheit allerdings auch den Mangel an Tradition. Der Appell an eine gemeinsame Vergangenheit, der den Franzosen in so hohem Maße zur Verfügung steht, ist uns versagt. Wir müssen uns mit dem Hinweis auf unsere Leistung für ein Gemeinsamkeit jüngsten Datums begnügen. Während Frankreich an die Waffenbrüderschaft im Unabhängigkeitskrieg und in zwei Weltkriegen erinnern kann, können wir uns nur auf die Bundesgenossenschaft im kalten Krieg berufen, auf den Widerstand gegen den Kommunismus in der Bundesrepublik, in Berlin und an der offenen Grenze, die Yalta und Potsdam mitten durch unser Land gelegt haben. Die Bundesrepublik ist gefährdeter als andere Bundesgenossen Amerikas in diesem kalten Krieg. Aber sie hat gezeigt, daß sie in der Lage und willens ist, einen entsprechenden Beitrag für die gemeinsame Verteidigung gegen den Weltkommunismus zu leisten.

Das ist keine schlechte Voraussetzung für die Gespräche Adenauers in Washington. Sein Besuch ist die erste deutsch-amerikanische Begegnung, die nicht auf dem Schlachtfelde stattfindet. Es ist auch keine Begegnung zwischen Sieger und Besiegtem oder zwischen Besatzungsmacht und besetztem Gebiet. Es ist die Begegnung von Partnern, so unterschiedlich die Größenverhältnisse auch sein mögen. An dem Empfang, den der Bundeskanzler in den Vereinigten Staaten findet, wird man den Wandel der amerikanischen Einstellung zu Deutschland ermessen können, wenn man sich erinnert, in welcher Geistesverfassung die ersten Amerikaner vor sieben Jahren nach Deutschland kamen, um es zu besetzen, zu teilen, zu demilitarisieren, zu demontieren und umzuerziehen. Die Besatzungszeit, die mit der Einladung Adenauers nach Washington ihren symbolischen Abschluß findet, hat sich als fruchtbare Begegnung zweier Völker erwiesen, die bisher in physischer und geistiger Distanz Vorurteile gegeneinander nährten.

Die Reise des deutschen Bundeskanzlers nach den Vereinigten Staaten muß jedoch in größerem Zusammenhang betrachtet werden. Sie ist Bestandteil des Besuches, den Europa gegenwärtig durch seine Minister bei der neuen amerikanischen Regierung unternimmt, und setzt die gegenseitige Unterrichtung fort, die der neue amerikanische Außenminister Foster Dulles auf seiner Blitzreise durch die europäischen Hauptstädte begonnen hat. Nach Eden, van Zeeland, René Mayer und Bidault ist Adenauer an der Reihe, und de Gasperi wird folgen. Gewiß hat jedes europäische Land auf seine besonderen Lasten im kalten Krieg hinzuweisen, Frankreich auf Indochina und die Opfer, die seine Verteidigung erfordert, die Bundesrepublik auf die sowjetische Zone, Berlin und die Vertriebenen, Aufgaben, die sie allein nicht bewältigen kann, die aber im Interesse der gemeinsamen Sache bewältigt werden müssen. In den meisten Fällen handelt es sich aber um Sorgen und Wünsche, die allen europäischen Ländern gemeinsam sind, wenn auch in verschiedenen Graden, um die Konvertibilität der Währungen, das Dollardefizit, die Erleichterung der Ausfuhr, die militärische Hilfe und anderes mehr. Wenn die Dollarwünsche Deutschlands bescheidener sind als die Frankreichs und somit im Bereich des Möglichen bleiben, so sind seine Erwartungen auf amerikanische Waffenlieferungen um so größer, da es ihm noch versagt ist, die schwere Bewaffnung seiner Kontingente selbst herzustellen. Aber abgesehen von diesen Unterschieden geht es zunächst um die gemeinsamen Anliegen Europas.

Seitdem dieses Europa konzipiert wurde, ist in mehrfacher Hinsicht eine neue Lage entstanden, mit der sich der Bundeskanzler in seinen Washingtoner Gesprächen zu beschäftigen haben wird. In den Vereinigten Staaten ist eine neue Verwaltung an die Macht gekommen. Nach zwanzig Jahren demokratischen Internationalismus haben wir es heute mit einem republikanischen Kongreß zu tun, der zwar nicht mehr zum nationalistischen Isolationismus neigt, aber doch Wert auf größere Selbständigkeit der europäischen Partner legt, seine Unterstützung also nach der Leistung der einzelnen Partner bemessen wird. Dabei dürfte die Bundesrepublik nicht schlecht abschneiden. Die Außenpolitik der neuen amerikanischen Regierung zielt darauf ab, aus der Unbeweglichkeit, aus der rein defensiven Haltung gegenüber der Sowjetunion herauszukommen. Auch hier könnte sich der außenpolitische Wille der Bundesrepublik, der auf die Wiedervereinigung Deutschlands gerichtet ist, mit den Tendenzen der neuen amerikanischen Administration begegnen.

Aber nicht nur in Amerika gibt es eine neue Regierung. Auch in der Sowjetunion sind durch den Tod Stalins neue Männer zur Macht gelangt. Auch sie zeigen neue Tendenzen, und zwar solche, die auf einen Waffenstillstand im kalten Krieg hinweisen. An einem solchen Waffenstillstand haben alle friedliebenden Völker, in erster Linie die am meisten exponierte Bundesrepublik, ein Interesse. Nur besteht die Gefahr, daß die Opferbereitschaft der europäischen Völker für ihre Aufrüstung in dieser Übergangsperiode, die das neue Regime in Moskau für seine innere Festigung braucht, erlahmt, und daß sie sich der Illusion einer Status-quo-Politik gegenüber der Weltrevolution hingeben könnten. Weder Amerika noch die Bundesrepublik teilen diese Illusion. Eisenhower und Adenauer sind daher am ehesten geeignet, sich über die Ausnutzung der neuen sowjetischen Interessen zu verständigen. Das kann nur in dem Sinne geschehen, daß jede Möglichkeit zu Verhandlungen wahrgenommen wird, daß aber gleichzeitig alles weitergeführt wird, um die Verhandlungsposition der Westmächte zu stärken. Dabei sind sowohl Amerika wie die Bundesrepublik auf den europäischen Zusammenschluß angewiesen. Adenauer wird daher nicht nur als der Anwalt der Bundesrepublik, sondern in erster Linie als der Anwalt Europas auftreten.

Ja, man kann sagen, die Reise Adenauers nach Amerika wird um so nützlicher für Deutschland sein, je mehr er im Namen Europas spricht. Die außenpolitischen Ziele Deutschlands sind mit denen Europas identisch und lassen sich nur in seinem Rahmen erreichen. Der amerikanische Kongreß, von dem letzten Endes alles abhängt, ist nur für eine europäische Politik zu gewinnen. Eine einseitig deutsch-amerikanische Politik, etwa auf Kosten Frankreichs, ist undenkbar. Deutschland, das an der Front des kalten Krieges steht, hat kein Interesse daran, in seinem Rücken einen schwachen und wankelmütigen Bundesgenossen zu haben. Alles, was Amerika für Frankreich tun kann, kommt Europa und damit Deutschland zugute. Auf der anderen Seite ist eine einseitig amerikanischfranzösische Politik auf Kosten Deutschlands ebenso aussichtslos, denn sie würde durch die Diskriminierung Deutschlands das Zustandekommen Europas, das nur auf der Gleichberechtigung aller Partner beruhen kann, für immer unmöglich machen. –

Die Identität der deutschen und der europäischen Interessen wird sich vor allem bei einem Gesprächsthema erweisen, das nun spruchreif geworden ist, nachdem die Bundesrepublik mit der Verabschiedung des EVG-Vertrages durch den Bundestag ihren Willen bekundet hat, ihren Beitrag zur Verteidigung Europas zu leisten. Man kann sicher sein, daß der Bundeskanzler in dem Augenblick, in dem deutsche Soldaten für die Europa-Armee bereitgestellt werden sollen, in Washington die Frage nach der strategischen Konzeption aufwirft. Die amtliche amerikanische Auffassung über die Verteidigung Europas ist bisher nicht bekannt, so daß man nicht einmal weiß, ob sie der zentralen oder der peripherischen Verteidigung den Vorzug gibt. Nicht nur Deutschland, sondern alle europäischen Länder haben ein vitales Interesse daran, daß Europa so weit östlich wie möglich verteidigt wird. Eine verbindliche Antwort in diesem Sinne würde den Verteidigungswillen jedes einzelnen Europäers stärken und allen europäischen Regierungen die Überwindung der Widerstände in ihrer öffentlichen Meinung erleichtern. Als Vertreter des gefährdetsten europäischen Partners der Vereinigten Staaten hat der Bundeskanzler die Pflicht und das Recht, diese Frage im Namen Europas zu stellen.