V. Wenn man vergessen könnte – Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone / Von ***

Amerikaner ... Russen ... Deutsche ... in jenem sowjetisch besetzten Dorfe am Fluß nahe der Zonengrenze, dessen Schicksal die Verfasserin unseres Berichtes beschreibt, kamen sie alle zusammen. Damals, in den ersten Nachkriegsjahren, nannten sich die Sieger noch "Alliierte". Aber schon kamen Spannungen auf

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Amerikaner und Russen! Russen, Amerikaner und Deutsche: das haßt sich, verträgt sich, prügelt sich, hilft sich, alles miteinander, durcheinander, gegeneinander. Von den Russen zum Beispiel kann man folgendes hören: "Amerikanski? Amerikanski nix Krieg gewonnen. Ruski Soldat Krieg gewonnen. Stalin Krieg gewonnen. Wir woina kaputt, Nazi kaputt, Gitler kaputt! Das hier unser Land. Unser Dorf. Amerikanski weg, dawei!"

Den Russen interessiert im Augenblick nur dieses eroberte Dorf hier mit so viel bequemen Häusern, Frauen, warmen Herdfeuern, Polstersesseln, die man sich auf die Straße stellen kann, um darin sein Mittagsschläfchen zu halten. Der russische Bär hat seine Beute im Käfig. Wir sind die Beute im Käfig. Wehe, wer sie ihm streitig zu machen wagte!

Auf ihrer Seite haben die Amerikaner ein hölzernes Wachhäuschen aufgestellt, während die Russen am diesseitigen Ufer in einem Zelt aus Zweigen liegen. Auf dem Pfad patroullieren die russischen Wachtposten mit Maschinenpistolen. Drüben patroulliert niemand.

Nachmittags war der russische Offizier, der die Wachen für die nächste Nacht unter sich hat, bei uns in der "Bürgermeisterei" erschienen. Er ist ein Sibiriak, hoch, blaß, im grauen Capemantel. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, will er dies Haus besichtigen, das mit seinen vielen Frauen ja eines besonderen Schutzes bedürfe. Ich bin ganz erlöst über die unerwartete Hilfe, und wir kennen den Sibiriaken, er war oft genug in unserem Hause und immer ruhig und freundlich.