Von Friedrich Ahlers-Hestermann

Es war im Jahre 1928, als in Köln ein Vortrag von Henry van de Velde angekündigt wurde. Einige jüngere Lehrer und Schüler der "Werkschulen", die ich darauf hinwies, schauten mich unsicher fragend an, bis einer sagte: "Van de Velde? Ist das nicht der Mann, der früher so... Kringel gemacht hat?" – So tief war damals schon selbst bei Leuten, die doch zum Bau gehörten, die Zeit dieses großen Revolutionärs in Vergessenheit geraten, so sehr durch Spott und Hohn auf den "Jugendstil" zugeschüttet, daß von seiner und seiner Mitstreiter gewaltigen Leistung nur noch ein paar lächerliche "Kringel" im Nebel des Gedächtnisses schwammen; und das an einem Institut, an dessen Spitze Riemerschmid stand, der doch zu den bedeutendsten Trägern der großen Erneuerungsbewegung gehört hatte (und der übrigens in diesem Jahre seinen 85. Geburtstag feiern wird).

Nun, das ist heute anders geworden: die Jahrhundertwende liegt im historischen Licht; eine internationale Ausstellung zeigte im letzten Sommer in Zürich die Zeugnisse des art nouveau, und der forschende Betrachter erkennt trotz aller verunklärenden und exzentrischen Begleiterscheinungen, daß damals ein wirklicher Anfang gemacht worden ist und daß diese Generation gegenüber der erstickenden Formenwelt des Historismus eine herkulische Tat vollbracht hat.

Henry van de Velde, der heute neunzigjährige, verkörpert bei aller persönlichen Besonderheit die ganze Bewegung in Werk und Wort. "Auf unserer Kindheit lastete die lähmende Überfülle von Dingen, von denen auch nicht ein einziges uns fröhlich stimmen konnte... die düstere Langeweile der Häuser, darin wir aufwuchsen..." So hat er rückblickend die Umwelt charakterisiert, der es galt, eine neue, ganz andere entgegenzustellen. – Den Gymnasiasten enthusiasmieren zwei verschiedenartige Eindrücke: einmal die Dampfer im heimatlichen Antwerpener Hafen, und zwar sowohl die "sachliche" Schönheit ihrer Form als auch die blitzend-kraftvolle Präzision der Maschinen – und dann eine Ausstellung der französischen Impressionisten. In beidem wittert er den Hauch des "Modernen", den lebensvollen Gegensatz zu dem Muff der alltäglichen Umgebung. Der eigentlich zur Jurisprudenz Bestimmte wird Maler (wie auch bei uns die entsprechenden Persönlichkeiten, ein Riemerschmid, Peter Behrens, Otto Eckmann). Instinkt und Glück führen ihn in die Mitte der lebendigen Entwicklung: es zeigen sich ihm neben dem noch blühenden Impressionismus schon die stilistischen Tendenzen bei Gauguin, Maurice Denis und den "Nabis", bei Seurat, Signac und den Neo-Impressionisten. Den Letztgenannten schließt er sich mit seinen Freunden Finch und Rysselberghe an und gerät durch Zufall auch an die Bilder des noch ganz unbekannten van Gogh, deren Dynamik ihn begeistert und zu ornamentalen Ausdeutungen führt.

Aber eine schwere, krisenhafte Erkrankung zwingt ihn 1892 nieder. Tiefe Zweifel an der "Berechtigung, Bilder zu malen" fallen ihn, der jetzt mit philosophischen und sozialistischen Ideen beschäftigt ist, an. Da hört er aus England von William Morris und seinen auf Erneuerung handwerklich-künstlerischer Formgebung gerichteten Pioniertaten. Mächtig angeregt durch das Beispiel, wie ein Mann sich der Zeit entgegengestellt hat, werden seine alten Ideen wieder lebendig: Die Kunst muß "angewandt" werden auf das Leben. Er erkennt, daß nicht die Maschine (wie noch Morris meinte), schuld sei an der Häßlichkeit ihrer Produkte, sondern die verkehrten Aufgaben, die man ihr stelle, indem man Handarbeit vortäuschen wolle. Er konfrontiert die traurig verschnörkelten und überladenen Dinge der Umwelt, denen man "Schönheit" zuerkennt, mit den Linien eines Schiffsrumpfes, ja, mit dem Schwung junger Mädchen beim Tennisspiel – und es zeigt sich ihm die Idee eines Stils, der auf Vernunft und Zweckmäßigkeit begründet sein müsse. Mit kleinen Dingen fängt er an – mit Buchumschlägen, Tapetenmustern,. Wandbehängen in Applikation –, und 1894, nach seiner Heirat, geht er daran, sich ein Haus zu bauen, in welchem alles von ihm entworfen und kontrolliert ist.

Vergleicht man die schlichte Außenseite und etwa die skelettartig konstruierten Stühle dieses seines Hauses mit den Prunkfassaden und den Tapezierer-Ungeheuern der achtziger Jahre, so ist der Schritt, den Henry van de Velde (freilich mit Hilfe der englischen Vorläufer) gemacht hat, so enorm groß, daß die Strecke von ihm bis zum "Bauhaus" und unserer heutigen Konzeption dagegen kurz erscheint. – Aus vielen zeitgenössischen Äußerungen geht hervor, daß das Frappierende der van de Veldesehen Formengebung damals als Nüchternheit empfunden wurde, während sie uns heute eher phantastisch vorkommt durch ihr lineares und dekoratives Beiwerk. In diesem Beiwerk jedoch drückt sich das Pathos der Revolution aus, und auch in van de Velde selbst lebte ein Dualismus: in der Theorie war er puritanisch streng Zweckmäßigkeit, Materiallogik, Hygiene waren seine Leitbegriffe. Aber wie in seinen Schriften die Sätze immer wieder pathetische, fast biblische Sendungen nahmen, so schnellte auch in seinen Verken ein Überschuß an Phantasie empor und entlud sich in linear-ornamentaler Sprache. Diese hatte in sich wiederum konstruktive Logik, denn sie war die Äußerungsform eines von der Vernunft geleiteten Willens. Mit seinem oft zitierten Wort: "Die Linie ist eine Kraft – sie entlehnt ihre Kraft der Energie dessen, der sie gezogen hat", wies er in ausgeprägtem Selbstbewußtsein auf sich selbst, der de unbändige Kraft in sich fühlte, die europäische Entwicklung in neue Bahnen zu lenken.

Er zwang den Linien seiner Flächenmuster sowie den Kanten und Umrissen der Gegenstände seinen Villen auf. Er bog sie wie federnden Stahl und ließ sie in den Winkeln anschwellen wie Muskeln. Er konstruierte Komplementärlinien und nutzte die Zwischenräume, die so eine "negative Form" bildeten. Übrigens verlor sich die Linie in seinen Bauten mehr und mehr und blieb nur noch als tektonischer Rest, erkennbar in der geistvollen Energie, womit die Bauteile zum Ganzen strebten. Sie war das Feldzeichen der Revolution; denn eine Bresche in den veralteten Prunk wäre nicht zu schlagen gewesen allein mit asketischer Sachlichkeit; diese war vielmehr eine spätere Phase der gleichen Bewegung. So hat van de Velde, der seine Weimarer Unterrichtstätigkeit 1914 verlassen mußte, später Gropius als seinen Nachfolger vorgeschlagen.