Jeder Kaufmann betreibt sein Unternehmen, um Gewinn daraus zu ziehen. Dies gilt auch, wenn der Kaufmann aus einer Vielzahl unbekannter Personen, das Unternehmen also in der Form einer Aktiengesellschaft besteht. Nur kann dabei der Unternehmer im Schatten seiner Anonymität leicht übersehen und noch schlimmer – sogar übergangen werden. Er muß seine Rechte und Interessen nach mehreren. Seiten, verteidigen. Denn am Gewinn einer Aktiengesellschaft sind bekanntlich vier Interessenten beteiligt: der Fiskus, die Belegschaft, das Unternehmen selbst (vertreten durch die Verwaltung), endlich der Aktionär als Eigentümer des Gesellschaftsvermögens.

Es war nicht schwer, die Aktionäre nach dem Kriege davon zu überzeugen, daß es in ihrem eigenen Interesse lag, durch Dividendenverzicht ihr Unternehmen finanziell zu stärken und ihm bei der Überwindung seiner Kriegs- und Währungsverluste behilflich zu sein. Wie stark der Dividendenverzicht zu Buch schlägt, ergibt sich daraus, daß für die Verteilung einer mäßigen Dividende von 5 bis 6 v. H. rund das Dreifache an Steuern entrichtet werden mußte. Auf den Dividendenausfall stand mithin eine so hohe Belohnung, daß die Verwaltung mit gutem Grund an das Verständnis des Aktionärs appellieren konnte, wenn sie im Interesse des Unternehmens eine andere Verwendung des erzielten Gewinnes beschloß als die normalerweise vorzunehmende Ausschüttung.

Nachdem der Aktionär und der Fiskus auf diese Weise leer ausgingen, verblieb der Gewinn den beiden anderen Interessenten: der Belegschaft und dem Unternehmen selbst. Eine hohe Bewertung der Arbeit durch entsprechende Löhne und soziale Leistungen, die dem Werk eine arbeitswillige Belegschaft sichern, liegt ohne Zweifel im Interesse des Unternehmens, ebenso seine Ausstattung mit den modernsten Maschinen und Einrichtungen wie auch die Verfügung über ausreichende Betriebsmittel. Was hierfür im Wege der Selbstfinanzierung seit Sommer 1948 geleistet worden ist, geht ins Erstaunliche. Rechnet man die Zugänge und Abschreibungen in den DM-Bilanzen der notierten Aktiengesellschaften bis Ende 1951 zusammen, so betragen sie in Prozenten des Aktienkapitals oft 100 bis 300 und mehr, die Dividenden im gleichen Zeitraum aber 0 bis 10 oder 12 v. H. Es enthüllt sich ein imponierendes Bild der finanziellen Opfer, die der Aktionär dem Unternehmen durch Dividendenverzicht gebracht hat. Dadurch wurde die Überwindung der kapitalarmen Anfangsjahre der Nachkriegszeit wesentlich erleichtert und der industrielle Wiederaufbau beschleunigt. Wird jedoch die Selbstfinanzierung zum Selbstzweck, zur systematischen Reinvestition der Gewinne ohne Rücksicht darauf, ob ein wirklicher Investitionsbedarf im eigenen Unternehmen vorliegt, so entsteht die Gefahr der systematischen Kapitalfehlleitung aus Motiven der Steuerersparnis.

Dem Aktionär könnte es allenfalls gleichgültig sein, ob der verteilbare Gewinn ihm als Dividende zufließt oder als Wertzuwachs im Unternehmen stehen bleibt, vorausgesetzt, daß er dann im Aktienkurs den entsprechenden Wertausdruck findet. Eine verdiente, aber nicht verteilte Dividende von beispielsweise 12 v. H. müßte sich dann in eine mindestens zwölfprozentige Kurssteigerung verwandeln, da der Dividendenverzicht von einer noch weit höheren Steuerersparnis begleitet wird. Wenn aber statt dessen gleichzeitig mit dem Dividendenverzicht ein Kursrückgang der Aktie um 20 oder 30 v. H. stattfindet, so geht die Rechnung für den Aktionär nicht mehr auf. Er sieht, daß sein Verzicht falsch war.

Die Entwicklung im vergangenen Jahre gab dem Aktionär empfindlichen Aufschluß darüber, daß die notierte Aktie nicht nur ein Eigentumstitel, sondern zugleich eine Handelsware ist, die dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegt, und daß nach dividendenlosen Aktien keine ausreichende Nachfrage besteht, auch wenn der Dividendenausfall dem Unternehmen bedeutende Mittel zu seiner inneren Stärkung zugeführt hat. Hatte der Aktionär angenommen, das positive Ergebnis eines Geschäftsjahres müsse ihm so oder so zugute kommen – entweder als Dividende oder als Kursgewinn –, so zeigte sich nun wieder der strikte Zusammenhang, der diese beiden Größen verbindet, indem der Kurs weitgehend eine Funktion der Dividende ist, sobald in Zeiten gesicherter Währung der Sachwertgedanke zurücktritt. Der Dividendenverzicht leistet dem Kursverfall Vorschub, und der Kursverfall ihrer Aktien ist für die Aktiengesellschaft der Anfang vom Ende.

Nun ist freilich der Dividendenverzicht kein freiwilliger Akt des Aktionärs, sondern eine Maßnahme der Verwaltung, die über die Gewinne verfügen kann, bevor sie dem Aktionär überhaupt zur Kenntnis gelangen. Bei der Inanspruchnahme aller verfügbaren Mittel für den Wiederaufbau des Unternehmens konnte mit dem Einverständnis des Aktionärs in der Zeit nach dem Zusammenbruch ohne weiteres gerechnet werden. Wenn eine Verwaltung aber heute noch, acht Jahre nach dem Krieg, verteilbare Gewinne einbehält, das heißt dem Aktionär vorenthält, begeht sie ein schweres soziales Unrecht.

Gegen wen? Zunächst gegen den Aktionär. Das bekannte Schlagwort vom "arbeitslosen Einkommen" mit Hilfe der Kouponschere ist heute völlig sinnlos, nachdem die Aktionäre zu Hunderttausenden aus Personen bestehen, die nach Jahrzehnten angestrengter Berufsarbeit ihren Lebensabend ganz oder teilweise aus dem zusammengesparten Wertpapierbesitz bestreiten wollen. Arbeitsloses Einkommen ist die Dividende für den ergrauten Aktionär nur in dem Sinne, wie es das Altenteil für den Bauern, die Alters- und Invalidenrente für den Arbeiter ist.