Von Jürgen Schüddekopf

Im Laufe dieses Jahres erscheint in Deutschland im Rowohlt-Verlag das letzte Buch Thomas Wolfes: "The Web and the Rock." Es kam in New York kurz vor dem Tode des Dichters, im Mai 1938, heraus. Der deutsche Titel wird heißen "Geweb und Fels". Dieses Buch lag schon einmal in deutscher Sprache vor. Es erschien im Alfred-Scherz-Verlag, Bern, und wurde "Strom des Lebens" genannt. Die neue Ausgabe bringt eine neue Übersetzung von Susanna Rademacher.

Ich möchte von meinem Besuch im "Thomas Wolfe Memorial" in Asheville berichten; von jenem Haus, in dem Thomas Wolfe von seinem sechsten Lebensjahr an lebte, bis zu der Zeit, als er als Eugen Gant, als George Webber aufbrach, in das Abenteuer seines Lebens, aus dem die riesige Autobiographie wuchs, die Kisten von Manuskripten, von Kontinent zu Kontinent geschleppt, aus denen wir nun die großen, verehrten Bücher haben: "Schau heimwärts, Engel", "Von Zeit und Strom", und "Es führt kein Weg zurück". Bücher, aus denen wir auch, wie aus keinen anderen, Amerika kennen, ehe wir jemals dorthin kamen: die kleine Mittelstadt, die Hauptstraße, die Läden, den Drugstore, die Menschen.

Die Straße nach Asheville fiel zwischen waldigen Hügeln, die an diesem klaren Dezembertag noch immer buntes Laub trugen, herunter ins Tal, und mit den ersten Farmerhäusern im Blockhausstil kündigte sich "Altamont" an, die Stadt, die wir Thomas-Wolfe-Leser seit vielen Jahren kannten. Aber Asheville stand auf den Wegschildern; es war eine weitausgedehnte Stadt – kleinbürgerlich, spießig; niedrige Häuser, meist aus Holz, weit zwischen Grünflächen ausgestreut. Zwischen ihnen, weiß und prahlend von Glas und Messing, die Bürohäuser, Tankstellen, Warenhäuser und Zeitungspaläste, die erst nach Thomas Wolfes Tod, in der Zeit des neuen Wohlstandes gebaut wurden. Das reiche Hinterland brachte ihn in die Stadt.

Der Busbahnhof lag nahe am Broadway, und vom Broadway waren es nur ein paar Blocks bis zur Spruce-Street, einer abschüssigen Straße, in der mode-ne Einfamilienhäuser neben verwitterten Häusern im Blockhaus- oder Kolonialstil standen. Spruce-Street 48, zehn oder fünfzehn Meter durch einen Vorgarten von der Straße getrennt, stand es plötzlich vor mir: Thomas Wolfes "Dixieland".

Ich zögerte, ich blieb auf der Straße stehen, vor mir das Haus, das trotz der hellen Dezembersonne verwittert, verwaschen und grau wirkte, viel größer, als ich es mir gedacht hatte, von einer merkwürdigen Unruhe durch die herausquellenden Erker und Giebel, die breiten und tiefen Veranden an der Vorder- und Gartenfront, die wie Wucherungen als den grauen Holzwänden ausbrachen. Hohe Fenster und breite, ins Freie führende Verandatüren, hinter denen es unheimlich dunkel und tot war. Mir war klar, ich würde jetzt etwas Unerlaubtes tun, wenn ich eindringen wollte in diese eingefrorene Wirklichkeit, die es einmal für Thomas Wolfe gab, die einmal Leben war, und was für ein vulkanisches Leben: das Leben dieser Gantfamilie, die aber längst schon durch Thomas Wolfes Bücher aus dieser Wirklichkeit in eine andere und dauerndere Wirklichkeit entrückt war.

Ich zögerte: da war also die Veranda, auf der einmal die Schaukelstühle knirschten, auf der im Funkeln die Zigaretten aufglühten, und über die leises, raunendes Gespräch lief. Ich sah hinter dem Haus den Garten, in dem der junge Wolfe gegraben hatte, ich stand auf derselben Straße, die er Tag für Tag zum Zeitungsverlag und dann später, verlangend nach Schlaf, zur Schule gegangen war. Ich mußte mir einen Ruck geben, ehe ich drei, vier Stufen hinauf zur Tür ging und läutete. Zweimal Stufen ich, dann, nach langer Pause, ein drittesmal, bis schließlich ein junges Mädchen öffnete, ein wenig fahrig vor Überraschung: – nein, sie hatte mit einem Besucher am Wochentag nicht gerechnet, es sei seit vierzehn Tagen schon niemand mehr dagewesen, erklärte sie mir, als sie mich in den schmalen Korridor führte, in dem ein Eisenofen glühte. Trotzdem war es kalt, alles lag in einem fahlen Halbdunkel, fast erstickend war die leblose dumpfige und tote Luft. Sie wohne ganz allein hier, sagte das junge Mädchen, und die Kustodin Missis McCoy käme nur ein oder zweimal in der Woche; manchmal auch einer von den Direktoren der Memorial Association, der jetzt das Haus der Wolfes gehörte: das Old Kentucky-Home in Asheville. Bitte, ich solle nur herumgehen; hier, linker Hand vom Einging, sei der Parlour-room. Das war ein dunkler, mit Mobiliar der Jahrhundertwende überfüllter Raum: ein schwarzes Piano mit Plüschdecke, Kokosnüsse darauf und rauchgeschwärzte Muscheln, aus dem Pazifik wahrscheinlich, drei Sofas an den Wänden, zwei Schaukelstühle und fünf abgeschabte dunkle und unbequeme Sessel neben Rauchtischen, auf einem verblichenen Teppich verteilt. An der Wand ein Sacred-Art-Kalender mit "Gedanken zur täglichen Meditation", und dem reklamefetten Aufdruck Wachovic Bank and Trust Company.