Wir sahen:

Wer in späteren Jahren einmal die Frühgeschichte des deutschen Fernsehens schreibt, wird mit der Aufführung der "Geishas des Captain Fisby" (am Sonnabend, dem 28. März) ein neues Kapitel anfangen. Die Hörspielabteilung des NWDR Hamburg und die Oberspielleitung des Fernsehfunks hatten ihre künstlerischen, technischen und organisatorischen Kräfte zusammengetan – mit hervorragendem Ergebnis. Unter der Leitung von Gustav Burmester, der zum erstenmal im Fernsehstudio stand, lief die köstliche Satire von den amerikanischen Siegern und den ihnen so überlegenen japanischen Besiegten, das Burkhard Nadolny nach Vera Sneiders Roman wie für den Hörfunk so nun auch für den Sehfunk humorvoll eingerichtet hat, nicht nur ohne jede Panne, sondern auch mit Bravour und vielen witzigen optischen Gags ab. Hagenbecks Tierpark, auf Celluloid aufgenommen und in die direkte Sendung eingeblendet, spielte seine Rolle als Landschaft der Pazifikinsel Okinawa recht glaubhaft. Das Teehaus hatte der Filmarchitekt Matthias Matthies im Bunkerstudio "ethnologisch" getreu aufgebaut. Von den beiden Geishas war "Goldblume" eine echte Japanerin, aber auch alle anderen Television-Japaner zwitscherten recht natürlich. Allen voran Max Walter Sieg in der köstlichen Rolle des Dolmetschers Sato, der seinem Captain mit Diplomatie beibringt, wieviel mehr Kultur dazu gehört, ein Teehaus auf Okinawa zu führen als einen Drugstore in Napoleon, Ohio.

Wir hörten:

Wellenschlag an Schiffswanten, Sirenen, Motorengeräusche von Barkassen, Schiffsglockenzeichen, Möwenschreie, hohle Schritte auf Gangways – alle Mittel der akustischen Illusion hatte der Regisseur Otto Kurth aufgeboten, um die Vorgänge auf dem "Schiff Esperanza" in Fred von Hoerschelmanns gleichnamigem Hörspiel (NWDR Hamburg) der Realität näher zu bringen. Aber Hoerschelmann, sonst ein präziser Dramaturg, hat sich diesmal in den Voraussetzungen vergriffen. – Einen deutschen Korvettenkapitän, der 1937 die Schiffskasse stiehlt, kann man sich kaum vorstellen. Noch weniger eine Reederei, die 1953 ihre Profite dadurch einheimst, daß sie Kriminelle zur illegalen Auswanderung nach USA verlockt, ihnen hohe Summen abnimmt, an denen auch der Exkorvettenkapitän verdient, und sie dann von einem Bootsmann auf hoher See mit der Vorspiegelung, sie brauchten nur noch einige hundert Meter bis zur Küste zu schwimmen, in den nassen Tod befördern läßt. Daß nun außerdem der Sohn des Kapitäns, der den Vater für verschollen hält wie dieser ihn, auf demselben Schiff anheuert und sich beim Aussetzen der Barkasse unter die Auswanderer mischt, daß dann der Vater, als er die Sachlage erkennt, auf den Profit verzichten will und umkehrt, die Ausgesetzten zu retten, das ist selbst für ein Seemannsgarn zu wenig glaubhaft. Hoerschelmann möchte, daß der Hörer sein Hörspiel als Gleichnis für die Vergeblichkeit überspannter Hoffnungen versteht; sogar Kurths Regie konnte das Gleichnis nicht retten. Auch nicht die geistvollen Sprecher Carl Kühlmann, Josef Offenbach und Richard Münch.

Wir werden sehen:

Karfreitag, 3. April, 20.20 im NWDR:

Aus Hamburg (die Brücke nach Berlin ist noch nicht wieder in Betrieb) ein Spiel der Grömitzer Morgenstern-Bühne: "Die Bordesholmer Marienklage", die aus dem Mittelniederdeutschen übertragen ist.