Das weite Gebiet der sozialen Beziehungen, die das Geld schafft, blieb lange unerforscht. Die geldhistorische Forschung schien sich auf einer Einbahnstraße zu bewegen und darin zu beharren, das Geld als rein ökonomische Kategorie anzusehen. Die von ihr geförderten Ergebnisse dienten in erster Linie zur Bestätigung dieses vorgefaßten Urteils. Mit den "Nebenergebnissen", die auf unökonomische Entstehungsursachen und die unökonomischen Kräfte des Geldes hinweisen, wußte man nichts Rechtes anzufangen und ordnete sie – wenn überhaupt – in die historischen Abnormitäten ein.

Es schien an der Zeit, den ausgetretenen Pfad der geldhistorischen Wissenschaft zu verlassen, um nach einer gründlichen Erforschung der unökonomischen Entstehungsursachen des Geldes seinen gesellschaftlichen Wirkungsbereich aufzuzeigen. Hier war es der Frankfurter Finanz- und Geldwissenschaftler, Prof. Dr. Wilhelm Gerloff, der mit der seinerzeit aufsehenerregenden Arbeit über die Entstehung des Geldes und die Anfänge des Geldwesens (1. Aufl. 1940) und mit einigen weiteren Arbeiten verriet, daß er der Aufklärung über die unökonomische Funktion des Geldes, die sich aus der Rolle eines "sozialen Beziehungsmittels" ergibt, auf der Spur war. Sein neues Werk "Geld und Gesellschaft, Versuch einer gesellschaftlichen Theorie des Geldes (Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M., 288 S., 25 DM) bestätigt die damals entstandene Vermutung.

Die These Gerloffs, die sich auf seine geldhistorischen Untersuchungen gründet, lautet, daß das Geld "eine Schöpfung sozialen Handelns" ist. Das Erkenntnisobjekt seiner Arbeit ist deshalb nicht der Geldgebrauch als wirtschaftlicher Vorgang, sondern als sozialer. Zu den vielseitigen sozialen Kräften des Geldes gehört seine Rolle als Gesellschaftsbildner und seine Bedeutung für die ständige Umformung der Gesellschaft. Das Geld bildet danach, noch ehe es Mittel des wirtschaftlichen Tauschverkehrs geworden ist, eine Klassengesellschaft, woraus man umgekehrt folgern kann, daß eine "klassenlose Gesellschaft" durch Geld und Währungsexperimente nach irgendwelchen Rezepten nicht verwirklicht werden kann, eben weil die gesellschaftsformenden Kräfte des Geldes so stark sind. Das Geld schafft gesellschaftliche Geltung und verleiht damit zugleich gesellschaftliche Macht, Gleichzeitig beruht jedoch die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit wesentlich darauf, daß jeder für eine empfangene Leistung zahlen darf und muß, "denn im Geld steckt nicht nur die ökonomische, sondern auch die moralische Unabhängigkeit".

Es ist natürlich, daß aus den gesellschaftlichen Wirkungen, die die Erscheinung des Geldes hat, immer wieder die Forderung nach dem "richtigen Geld" erhoben wurde und wird, worunter man dann eigentlich immer ein Geld versteht, das nivellierend, gleichmachend wirken soll. Das heißt aber, vom Geld zu viel verlangen. Das Problem des "richtigen Geldes" ist nach Gerloff ein Problem, das nicht mit der Schaffung eines bestimmten Geldzeichens gelöst werden kann, sondern nur durch die richtige Handhabung dessen, was wir Währung nennen, eine Antwort, die wegen ihrer Einfachheit den einen oder anderen Sucher nach einer Patentlösung enttäuschen mag. Denn sie zerstört die Hoffnung vieler, durch ein "richtiges Geld" das Postulat nach einer irgendwie gewünschten Wirtschaftsordnung erfüllen zu können oder Wohlstand und Reichtum aus dem Nichts hervorzuzaubern.

In den wichtigen und prägnanten Schlußsätzen der Gerloffschen Arbeit wird die soziale Kraft des Geldes klar umrissen: "Die Aus- und Fortbildung der gesellschaftlichen Wirtschaft ist immer zugleich auch Aus- und Fortbildung der Geldwirtschaft. Das Geld ist also auch keine Verfallserscheinung. Seine Ausbildung als Tauschmittel bedeutet nicht den Verlust eines paradiesischen Kommunismus, sondern Enttierung des menschlichen Daseins, die Eingliederung des Individuums in ein Systemvielseitiger Abhängigkeiten und den Zwang zu einer sozialen Einstellung. Geld ist das stärkste Mittel zur Überwindung geistiger und sozialer Trägheitswiderstände. Die segensreichen Folgen seines Gebrauchs sind darum auch viel höher einzuschätzen als die Gebrechen, die seinem möglichen Mißbrauch nachgesagt werden können." H. Ritter