Von Walter Fredericia

Gegen den Ruf nach einer neuen Ideologie hat sich Johannes Gaitanides ("Die Zeit" vom 12. März 1952) gewandt. Den gleichen Gedanken drückt auch der nachfolgende Artikel aus, der jedoch die Ideologien anders definiert.

Vor längerer Zeit wurde in Deutschland ein amerikanischer Film mit einer interessanten psychologischen Note gezeigt. Es war ein Kriminalfilm. Ein Mann von vielleicht 50 Jahren ermordet seine Frau in der Hoffnung, ihre sehr viel jüngere Schwester heiraten zu können. Es ist ein Mann, der au fond nichts Verbrecherisches an sich hat, ein Bürger in geordneten Verhältnissen, mit guter Erziehung. Um so erstaunlicher, daß der Mörder über seine Hemmungen hinwegkommt, die dem Verbrechen entgegenstehen. Darauf wirft ein vom Regisseur diskret, aber doch deutlich gezeigter Vorgang ein Licht: Die Frau macht dem Manne Vorwürfe, nachdem sie in einer Gesellschaft sein Verhalten zu ihrer Schwester gesehen hat. "Du wirst nicht annehmen", sagt sie voller Hohn zu ihm, "daß ein so junges, schönes und reiches Mädchen sich mit einem Mann wie dir einlassen wird." An dieser verletzenden Bemerkung entwickelt der Mann den Haß gegen seine Frau und steigert ihn bis zum Mord. Zwar ist dem Zuschauer in jedem Augenblick klar, daß er den Mord plant und ausführt, um sein Ziel zu erreichen: das junge Mädchen. Um aber seine Hemmungen zu überwinden, muß er sich selbst als den Verletzten betrachten können –: er muß die Frau nicht als sein Opfer, sondern als seinen Feind sehen, gegen den er in einer Art Notwehr steht. Er verdrängt innerlich den wahren Grund seines Handelns und vollstreckt das Todesurteil, als ob es sich auf die Beleidigung bezöge. Dieser, psychologisch bedingte Vorgang ist die Entwicklung einer Ideologie.

In dem Drama "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams, das auch durch die Theater Deutschlands ging, läßt sich ebenfalls ein psychologischer Höhepunkt dieser Art finden. Blanche DuBois, nach einem gescheiterten Leben schwer alkoholsüchtig und hysterisch, kommt zu ihrer unter armseligen Umständen lebenden, Schwester Stella, die mit dem vitalen Naturburschen Stanley verheiratet ist. Blanche wird von ihrem Schwager, zu dem sie in einem heftigen Gegensatz steht, in Stellas Abwesenheit vergewaltigt. Als sie das Stella erzählt, gibt diese den Widerstand dagegen auf, daß Blanche in eine Heilanstalt gebracht werde. Sie hält Blanche jetzt wirklich für verrückt, nicht weil die Erzählung das bewiese, sondern weil es die letzte und einzige Möglichkeit für sie ist, die Erzählung für unwahr zu halten. Daß Blanche verrückt sei, ist jetzt ihre Ideologie – gleichgültig, ob objektiv richtig oder falsch –, an die sich Stella hält, wenn sie die Vernichtung der Schwester geschehen läßt. Es ist aber "nur" eine Ideologie, denn nach der Katastrophe der Schwester erfolgt ihr eigener Zusammenbruch.

Diese Beispiele sollen einen Anhaltspunkt dafür geben, was "ideologisches" Denken ist. In diesen Fällen dient die Ideologie als rationaler Überbau der Selbsttäuschung, sie ist das Werk der Vernunft, die dem Trieb zu Hilfe kommt, der in der Auseinandersetzung der Triebe – und der Hemmungen, die aber zuletzt selbst triebhaft sind – obsiegt hat. Doch kommt man damit nicht sehr nahe an den Inhalt des Wortes Ideologie heran, wie er im sozialen und politischen Leben im Gebrauch steht.

In der Soziologie und in der Politik hat das Wort Ideologie eine umfassendere Bedeutung. Hier heißt "ideologisches Denken" seinsgebundenes Denken überhaupt. Deshalb wird die Ideologie im politischen Konflikt immer nur beim Gegner entdeckt, und deshalb hat das Wort etwas Herabsetzendes an sich. Das war nicht immer so. Noch vor 150 Jahren verstand man unter Ideologie nichts anderes, als was dem sprachlichen Sinn entspricht, nämlich die Lehre von den Ideen. Die Anhänger einer philosophischen Schule in Frankreich, welche die Geisteswissenschaften anthropologisch und psychologisch zu fundieren suchte, nannten sich Ideologen. Der Begriff der Ideologie im modernen Sinn wurde erst in dem Augenblick geboren, als Napoleon diese Philosophengruppe, weil er von ihr bekämpft wurde, im verächtlichen Sinn "Ideologen" schalt. Hierdurch bekam das Wort seine herabsetzende Bedeutung (Karl Mannheim, Ideologie und Utopie, Verlag B. Schulte-Bulmke, Frankfurt am Main, Neuauflage 1952). Die Richtung dieser Entwertung ist genau erkennbar –: sie meint die Irrealität des gegnerischen Denkens.