Karfreitag in Grassina

Die nachstehende Osterskizze stammt aus dem Nachlaß des Schriftstellers A. de Nora, der mit seinem bürgerlichen Namen Alfred Noder hieß und ein viel gelesener Autor der ersten 25 Jahre, dieses Jahrhunderts war. Großer Beliebtheit erfreuten sich besonders seine Beiträge in der "Jugend". De Nora, in München geboren und den größten Teil seines Lebens auch dort angesiedelt, starb 1936 in Wien.

Ein kleines Dorf, etliche Meilen von Florenz entfernt. Dort findet zum Todestag des Herrn eine Zeremonie statt, die aus dem Traueranlaß seltsamerweise Volksfest wird. Es "oberammergauert" in Grassina. Die Bauern verkleiden sich als Zeitgenossen Christi und führen auf dem "Kalvarienberge" ein kurzes Spiel zu Ehren des Erlösers auf. Diese Schau lockt viele Florentiner, viele Fremde an – : die sehen nun fast die ganze Einwohnerschaft von Grassina als Statisterie des frommen Spiels, das im Golgathazug endet.

Voran der Landpfleger Pilatus, hoch zu Roß, dann seine Soldaten, die Hohenpriester und Juden, dann die Apostel, an deren Spitze Petrus schreitet, und nach der Gottesmutter die Weiber Jerusalems. Eine wundervolle Maria, den Bildern Raffaels entrückt –, wie denn die Schönheit so vieler Frauen und Mädchen auffällt, in denen man noch heute die Modelle der alten Meister erkennt. Welch heute sche Herodias, welch lieblich-blonde Magdalena! Dunkeläugige, gutgeformte Gesichter, deren Römertum in die antike Tracht nicht erst hineingeglaubt zu werden braucht. Auch unter den Jünglingen erscheinen wirklich Köpfe wie Filippino Lippis Selbstporträt oder der "David" Michelangelos; besonders aber erinnern die Hunderte von singenden Kindern, die dem Messias zur Begleitung dienen, an Donatellos Fries, an Fra Angelicos und Botticellis Engel.

Krönung dieser Schar bildet der Himmelswagen, den zwei weiße Ochsenpaare ziehen: ein kühngebundener Strauß kleiner Mägdlein und Knaben mit Pappeflügeln, gefalteten Händchen und goldumrahmten Locken, auf Wolken sitzend und aus Wolken schauend. Echt bäuerlich sind große Ballen Flachs dazu verwendet, zu Kissen gerollt, in Knäueln und Schlingen aufgehängt; solide stramme Wolken, zwischen denen die angeli nicht nur zwitscherten und beteten, nein, auch sehr herzlich lachten und kokettierten. In vier Etagen übereinander mühten sie sich, auf diesem ochsenbespannten Himmelswagen den Herrn und – ihre eigene Zier zu preisen.

Nicht aber wie im bayrischen Passionsort findet das Spiel am hellen Tage statt, ungeschminkt, mit frei gewachsenem Haar und Bart, sondern nach Eintritt der Dunkelheit, in Perücken mit ange-Eintritt Barten und glanzpapiernem Heiligenschein. Man könnte vielleicht eine Maskerade vermuten, aber nein – : Im Strahl der hundert gelben Fackeln und bläulichen Scheinwerfer von den Türmen werden die seltsamen Gestalten von materialisiert; sie schweben im Wechselschimmer dieser bewegten Flammen wie flackerndes Gebild vorbei, und dieses Licht wandelt sogar die vier braven Ochsen, die den Wagen ziehen, zu apokalyptischen Kolossen, die – von Gottes Scharen überschwebt – ein Stück Himmel halten.

Während sich die Akteure köstlich unterhielten, ihren Freunden zuwinkten, Erkennungsrufe entgegennahmen, entfloh dem fremden Zuschauer der ganze Mummenschanz ins Übersinnliche, in eine Welt der Kunst, der Dichtung, der Ferne, in ein danteskes Mittelalter von visionärer Kraft.

Falsche Bärte und echte Ochsen? Kostümierte Kuhmägde und dörfliche Blechmusik? Nein! Schönheit, Anmut, königliche Form, edle Linie, verwitternde Fresken...

Karfreitag in Grassina

Erst als man nach dem Auflösen des Zuges die weißen Rinder und Kinder vor dem Dorfe draußen müde auf ihre Pfleger warten sah, mit gesenkten Häuptern und Häuptlein, noch schmuckbeladen, doch schon des Nimbus entkleidet – erst dann verflog die Illusion. Man gönnte den erschöpften Wesen Ställe oder Bettstellchen und ließ unterm Gebrüll der Autohupen die schweigenden Großen wie die greinenden Kleinen entzaubert hinter sich.

Was Scheinwerfer gewesen, erlosch. Grassina, das gewöhnliche, versank in seine Nacht. Nur die siegreiche belezza dieser florentinischen Welt erlischt dem Blick nie mehr, der sie genossen ...