Von Paul Hühnerfeld

Romane über den Krieg – wenn sie nicht von eingefleischten Militaristen oder Memoiren schreibenden Generälen verfaßt werden – stehen unter einem besonderen moralischen Akzent. Die Lauterkeit des Verfassers und seine Idee darf nicht, wie oft in anderen Romanen, erst als leuchtende Schlußapotheose auf der letzten Seite zutage treten – sie muß von der ersten Zeile an den Leser überzeugen. Der Kampf des Geistes gegen das grausame Phänomen Krieg muß kompromißlos sein – sonst ist er schon verloren.

Daher kommt es, daß manche Kriegsbücher in einer unverbindlichen, ja rückhaltlos-gehässigen Leidenschaft erzählt werden, die nun aber wieder viele gutwillige Leser von der Lektüre abhält. Der gutwillige Leser, der selbst im Krieg war, ist erschrocken, welchen Ausbruch eines schreibenden Menschen er nun zu ertragen hat. Dieser Ausbruch ist ihm, aufs Literarische übertragen, genau so unangenehm wie im Krieg die Granaten.

Sicher ist, daß um dieses leidenschaftlichen Hasses willen Norman Mailers "Die Nackten und die Toten oder James Jone’s "Verdammt in alle Ewigkeit" wohl bei der Kritik, nicht aber bei der Masse der Leser dieselbe Wirkung haben, wie der ruhige, verbindliche, dabei aber doch so entschiedene Herman Wouk in "Die Caine war ihr Schicksal" oder auch – freilich mit einigem literarischen Abstand – der Zivilist Gerhard Kramer in "Wir werden weiter marschieren..."

Irwin Shaw – vielleicht der letzte der großen amerikanischen Kriegsautoren, die ins Deutsche übersetzt wurden – gehört zu der Gruppe der verbindlichen Autoren. Und es sieht so aus, als ob sein jetzt bei Scherz & Goverts in Stuttgart erschienener Roman Die jungen Löwen vorläufig der bedeutendste in dieser Reihe werden könnte. Irwin Shaws Roman beginnt in der Silvesternacht 1937/38 in einem kleinen österreichischen Berghotel, in einem Klub am Broadway und in einer Kleinstadt irgendwo in Amerika. An diesen drei so verschiedenen Orten befinden sich nämlich in jener Nacht die drei so verschiedenen Hauptfiguren des Romans: der österreichische und später "großdeutsche" Skilehrer Christian Diestl, der sich langweilende und mit einem Filmstar verheiratete junge Amerikaner Whitacre (er ist Regisseur und inszeniert gerade ein schlechtes Stück am Broadway) und der junge Jude Noah, dem in dieser Nacht in der Kleinstadt der Vater stirbt.

Es ist eine Welt, der man in dieser Silvesternacht deutlich anmerkt, daß sie bald aus den Fugen geraten wird: im österreichischen Berghotel singt man "Die Fahne hoch", in New York intrigieren die Filmstars, Manager und Regisseure, und dazwischen versucht ein Mann, Freiwillige für Spanien anzuwerben; und der Jude Noah kommt mit den Bestattungsinstituten nicht ins reine, weil die sich weigern, einen Juden zu begraben.

Irwin Shaw ist der erste amerikanische Autor, der versucht hat, in einem Kriegsroman einen Deutschen als Hauptfigur objektiv und mit Liebe zu zeichnen – der alle Kolportage dabei vermeiden wollte und sie auch fast vermieden hat. Daß der nationalsozialistische Skilehrer und spätere Feldwebel Diestl hier als eine breit angelegte Gegenfigur zu den beiden jungen Amerikanern auftritt, daß der Autor ihn vorstellt als einen Mann, der ebenso rein in den Krieg geht wie die Gegner, daß dieser Christian Diestl ebensowenig ein Verbrecher ist wie die beiden amerikanischen Soldaten – obwohl er einige Male verbrecherisch handelt – ist – literarisch gesehen – eine erregende Novität, die gerade den deutschen Leser packen wird.