Novellenbände verkaufen sich in Deutschland schwer. Das bestätigt jeder Buchhändler. Warum ist das so? In Amerika und England sind viele Sammlungen von Kurzgeschichten Bestseller, und mancher Autor hat nur durch Kurzgeschichten Weltruf erlangt. O. Henry zum Beispiel oder William Saroyan in Amerika. Sie wurden nach 1945 die Vorbilder der deutschen Kurzgeschichtenschreiber. Daß auch England auf diesem Gebiete eine kurze, aber große Tradition hat, wurde in Deutschland weniger bemerkt, davon der Begründerin und ersten Meisterin dieser modernen epischen Form bisher noch keine deutsche Übersetzung vorlag:

Katherine Mansfield; Seligkeit und andere Erzählungen (Ausgewählt und übersetzt von Herberth und Marlys Herlitschka. Verlag der Arche, Zürich und Nymphenburger Verlagshandlung, München, 410 S., Leinen 16,80 DM).

Katherine Mansfield, in Neuseeland geboren, aber zur Wahleuropäerin geworden, starb schon 1923, mit vierunddreißig Jahren, Ein Studienjahr in Deutschland regte sie zu ihrem ersten Kurzgeschichtenband "In a German Pension" (1911) an. Schon hier zeigte sich ihre Kunst der psychologischen Beobachtung, die mehr den inneren Vorgängen zugewandt ist als den äußeren Ereignissen, ja, schon in der Fabel die äußeren Ereignisse abzubiegen liebt, kurz bevor sie eintreten. So entstand in England das genaue Gegenbild zur amerikanischen Kurzgeschichte: die Story, in der nur beinahe etwas passiert.

Der Reiz dieser Kurzgeschichte liegt in der stillen und verhaltenen Ironie, mit der gezeigt wird, wie die Umstände alle Absichten der Menschen widerlegen, und daß es das Verhängnis des Menschen ist, nicht absichtslos leben zu können. Diese Grundstimmung der Erzählungen von Katherine Mansfield nimmt eine heutige Wahlengländerin auf:

Kay Cicellis: Flut und Ebbe. Novellen (Deutsch von George Hill. Verlag Kiepenheuer u. Witsch, Köln-Berlin, 267 S., Leinen 9,80 DM)

Auch Kay Cicellis, in Griechenland geboren, erlangte schon mit zwanzig Jahren literarischen Ruf durch ihre Kurzgeschichten. Diese bedeutende Dichterin ist nicht ohne das Vorbild der Katherine Mansfield zu denken, aber auch nicht ohne den Surrealismus, der die Welt des Wachtraums in die Kunst einbezog, und nicht ohne die Einwirkung Kafkas, dessen Menschen allesamt in das Unheimliche gestellt sind. Die Erzählungen von "Flut und Ebbe" spielen fast alle in der Ägäis unter Menschen, die mit äußerst verfeinerten Sinnen die elementarsten Erfahrungen machen.

Es gibt Völker, die zum Erzählen prädestiniert scheinen. Zu ihnen gehören außer den Griechen auch die Iren. Noch heute sammeln sich in den irischen Dörfern abends die Leute, um einem der vielen wandernden "Story-teller" zuzuhören. Von diesen Volkserzählern zur modernen irischen Novelle ist ein fließender Übergang: