Unter der Überschrift "die Begegnung der Dreihunderttausend" veröffentlichten wir in unserer Sonderbeilage "Stahl für Europa" eine Reportage unserer westdeutschen Redaktion, die sich mit den so erfolgreichen Bemühungen beschäftigten, die im Hüttenwerk Oberhausen zur Verbesserung des Betriebsklimas seit Jahren unternommen worden sind. Unser Bericht fand ein vielfältiges Echo und hatte immerhin den Erfolg, daß Interessenten sich nach Oberhausen begeben haben, um die dort bestehenden Einrichtungen und Erfahrungen zu studieren. Aus Oberhausen erhalten wir nun noch die folgende, unsere früheren Ausführungen ergänzende Zuschrift.

Jeder, der die Verhältnisse in der Eisenindustrie kennt, weiß, wie es um die Vor- und Ausbildung der so bedeutsamen Führungsschicht wie der Vorarbeiter, Meister und Obermeister bestellt ist. Während die Werkstattmeister, insbesondere der jüngeren Generation, in der Regel noch eine Facharbeiterlehre (als Schlosser, Dreher, Elektriker usw.) mit häufig anschließendem Besuch eines Meisterlehrganges nachzuweisen vermögen, haben die Meister der Produktionsbetriebe ihre Laufbahn überwiegend als Hilfsarbeiter begonnen. Bei jeder planmäßigen Schulung sind sie vor allem auf Grund ihrer persönlichen Eigenschaften zum Meister aufgerückt. Freilich haben sie ihre Aufgaben mit optimalem Erfolg erfüllt und nicht den kleinsten Antel an dem Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft. Aber die steigenden Anforderungen, nicht zuletzt unter dem Aspekt zunehmender Konkurrenz, lassen, die Mängel in der Ausbildung immer deutlicher werden.

Erstmalig Ende 1951 wurden im Raum Dortmund Prüfungen für Industriemeister durchgeführt. Irdessen – und das ist der neuralgische Punkt – was geschieht mit den mitten in der Berufsarbeit stehenden Meistern, von denen heute und noch in ferner Zukunft Erfolg oder Mißerfolg wesentlich mit abhängen? In Oberhausen ist versucht worden, mit diesem auf den Nägeln brennenden Problem, das seine Analogie in anderen Industriezweigen findet, durch neuartige Mittel fertig zu werden.

In gemeinsamen Überlegungen zwischen Werksleitung, Personalabteilung, Ingenieuren, Meistern und Betriebsräten wurden Pläne entwickelt, Nicht ohne Grund wurden Redewendungen wie "Schulung" oder "Unterweisung" prinzipiell vermieden, ferner auf die Mentalität und die Persönlichkeitswerte der z. T. langjährigen Vorgesetzten Rücksicht genommen.

Bei dem ersten Treffen wurde durch ein umfassendes, psychologisch fein durchdachtes Referat ehe solche Atmosphäre erzeugt, daß die weitere Durchführung nicht nur auf keine innere Ablehnung stieß, sondern sich bald die unerläßliche Resonanz einstellte. Der Vortrag behandelte stufenweise die betrieblichen Gegebenheiten, Fragen der Volkswirtschaft, Vergleiche mit dem Ausland usw. Resümierend wurde festgestellt, daß außer Modernisierung der Anlagen, Investierungen und Rationalisierung beste Fachkenntnisse Voraussetzung dafür sind, sich im Lebenskampf behaupten und möglichst den Lebensstandard verbessern zu können.

Die Pläne der ersten Phase sehen im wesentlichen vor: Fachvorträge – mit anschließender Besichtigung des besprochenen Betriebes, Vorführung von Fachfilmen, Besuch fremder Werke gleicher Struktur oder anderer Zweige, laufende Erörterung von Unfallverhütungsfragen, Zurverfügungstellung einschlägiger Literatur, Sonderkurse für Ingenieure und Techniker (vorwiegend auf außerbetrieblicher Ebene), Betriebs- und Arbeitspsychologie, periodische Zusammenkünfte, die auf geselliger Grundlage außerhalb der Arbeitszeit zum Zwecke eines Erfahrungs- und Gedankenaustausches durchgeführt werden (die Bewirtung wird von der Firma übernommen).

Wenn sich das Vorhergesagte sinngemäß auf alle Wirtschaftszweige anwenden läßt, so gilt das vornehmlich für die "human relations", also für alle Maßnahmen zur Verbesserung des Betriebsklimas oder wie die Interpretation sonst lauten mag. In Oberhausen sind seit drei Jahren Großversuche durchgeführt worden, die im letzten Jahr in die Praxis übertragen werden.

Für die kaufmännische Weiterbildung wurde unter Mitwirkung der HO AG, anderer Großfirmen, verschiedener Verbände und Behörden im Herbst 1952 das "Kaufmännische Bildungswerk Oberhausen e. V." ins Leben gerufen, das von den Gründem finanziell unterstützt wird. Diese Institution schließt eine Lücke, die in der Aus- und Weiterbildung auf wissenschaftlicher Grundlage für kaufmännische Angestellte in Oberhausen bestanden hat. Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und bürgerliches Recht sind neben mehreren Fremdsprachen die Hauptgebiete. Helmuth Pehmler