Vor einigen Wochen ("Die Zeit" Nr. 6) war es nötig, ein paar Bemerkungen zu der Art und Weise zu machen, in der eine Hörfolge ("Feature") des NWDR Hamburg die Geschichte der Ufa verfälschte, indem sie statt Fakten Tendenzmärchen vorbrachte. Wie sehr gerade die Funkform des "Feature" zu propagandistischem Mißbrauch Vorwand geben kann, zeigte sich in den letzten Tagen an einem anderen Beispiel. Um es für die weniger Funkkundigen noch einmal zu definieren: ein "Feature" besteht aus einer Folge von Texten, die dokumentarisch echt oder auch erdacht sein können, jedenfalls aber den Zweck haben, ein wirklichkeitsgetreues Bild eines Landes (so etwa Ernst Schnabels "Großes Tamtam") oder eines sozialen Zustandes zu zeichnen. Für die vergangene Woche nun hatte der NWDR Hamburg eine Reihe von "Features" auf sein Programm gesetzt, die eine Tatbestandsaufnahme über die Situation in den heutigen deutschen Großbetrieben geben sollte. Und was geschah?

Die erste Sendung (von Werner Eckhardt zusammengestellt) brachte Gespräche in einem großen rheinischen Stahlwerk zwischen dem kaufmännischen und dem "Arbeitsdirektor", der auf Grund des Betriebsverfassungsgesetzes dort amtiert. Man erfuhr Genaues und Instruktives, ja Spannendes nicht nur über die Beziehungen von Betriebsleitung und Belegschaft, sondern auch über die zwischen den Betrieben und den (betriebsfremden) Gewerkschaften, und vor allem über den für die heutige Situation so charakteristischen "Schichtwechsel der Eigentümer", das heißt, den Übergang des Aktienbesitzes von den Unternehmerfamilien an die anonymen Kleinaktionäre, deren Stimmen durch Banken vertreten werden. Man erfuhr also, daß die Betriebe zwischen Gewerkschaften und Banken einen schweren Stand haben.

Was aber erfuhr man aus der zweiten Sendung "Mit-Arbeiter – Mit-Bestimmer" von Walter Kolbenhoff? Die seltsamsten Dinge: zum Beispiel, daß das Betriebsverfassungsgesetz am 19. Juli 1952 vom Bundestag abgelehnt worden sei (in Wirklichkeit wurde es an diesem Tage in dritter Lesung angenommen) und daß Direktionen und Belegschaften noch jetzt in allerschärfstem Gegensatz über die Frage der Mitbestimmung stehen! Ferner daß Direktoren allesamt von den Arbeitern zu sagen pflegen: "Die Kerls sind einfach zu blöd", wohingegen die Arbeiter allesamt ihrerseits an den Direktoren jeden sozialen Sinn vermissen. Kurzum – die Lage wird nicht geschildert wie sie ist, sondern so, wie sie in der Propaganda der Gewerkschaften um 1900 dargestellt wurde und wie sie sich Walter Kolbenhoff nun wieder zurechtgelegt hat, um Anlaß zur Proklamation der Klassenkampftheorie zu haben.

Auch die Freiheit der Meinungsäußerung ist nach einer Richtung gebunden: durch die Tatsachen nämlich, über die der Publizist eine Meinung äußern und seinen Lesern oder Hörern als die angemessene empfehlen will. Wo diese Tatsachen so wenig stimmen wie in den Fällen der Ufa-Sendung von Hans Werner Richter und dieser Mitbestimmungssendung von Walter Kolbenhoff, da muß auf ein System geschlossen werden. Daß dies nicht ein System des ganzen NWDR Hamburg ist, bewies die ausgezeichnete und objektiv abwägende Sendung von Werner Eckhardt. Bleibt also nur die Vermutung, daß wieder einmal die Rechte nicht wußte, was die Linke tat. C. E. L.