Es ist kein Manifest, keine Magna Charta, es ist nicht ein Programm und keine Enquête, es ist etwas viel Selteneres – es sind "nur" ein paar vorzügliche, aufrüttelnde und den Weg weisende Gedanken, die die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände der Öffentlichkeit zur Gegenwartslage der sozialen Ordnung übergeben hat. Aber mit ihnen werden Millionen deutscher Menschen angesprochen.

Man sieht es der auf 16 Seiten zusammengefaßten Arbeit über die "Gedanken zur sozialen Ordnung zunächst nicht an, daß viele Monate einer vorsichtigen und geistigen Arbeit dahinterstehen. Aber wer sie liest, wird gestehen müssen, daß hier warme Herzen, wache Hirne, Persönlichkeiten, die nicht nur in die Gegenwart, sondern auch weit in die Zukunft schauen, an einem gelungenen und beglückenden Werk gearbeitet haben.

In den breiten Schichten des deutschen Volkes, in den politischen Zirkeln aller Schattierungen wird oft die Frage gestellt, wie es wohl weiter gehen wird. Die ökonomische und materialistische Initialzündung der seit 1948 verfolgten sozialen Marktwirtschaft hat unbestreitbare Verdienste errungen. Ein schöpferisches Wirtschaftsdenken beflügelte das gesamte Volk. Aber gerade den geistigen Schichten Deutschlands genügt dies nicht. Sie empfinden schmerzhaft die Spannung zwischen der Ökonomie und den sittlichen oder sozialen Verpflichtungen eines echten abendländischen und christlichen Weltbildes.

Mit dieser jüngsten Arbeit der Bundesvereinigung wurde hierzu ein vom Wirklichkeitssinn getragener wesentlicher Beitrag gegeben. Der klar gegliederte innere Aufbau deutet den Wunsch an, zwischen Philosophie und Realismus der sozialen Marktwirtschaft ein gewisses geistiges Ordnungsprinzip und eine Fülle von Ordnungsmaterial hineinzubringen.

Die Marktwirtschaft hat in den letzten vier Jahren einen Industrielohn zu erreichen und zu verkraften vermocht, der den marxistischen Klassenkampfparolen das Wasser abgegraben hat. Aber die Sozialhypothek des Krieges hat nun mittelständische Kampfparolen erstehen lassen. Aufgabe der Unternehmerwirtschaft muß es jetzt mehr denn je sein: Baut die übertriebenen Investitionsprogramme und den Sonderaufwand ab und senkt dafür die Preise. Nur so ist das Wort von der "sozialorientierten Preispolitik" zu verstehen. Und hier ist keine Zeit mehr zu versäumen. Sonst wird das Vorjahrhundert-Proletariat der Arbeiterklasse durch ein Rentner-Proletariat des Mittelstandes abgelöst werden.

Die Arbeit schließt mit den anfeuernden Worten: "Nicht Demagogen und falschen Propheten, nicht Fanatikern, Ideologen und Utopisten darf die Zukunft gehören, wenn Deutschland gedeihen soll... Die Zukunft gehört einem Wirklichkeitssinn, der die Eigengesetzlichkeiten der Menschen und der Dinge nicht nur erkennt, sondern entschlossen ist, sie gelten zu lassen. Zu dem Wirklichkeitssinn muß hinzutreten ein warmherziger, kraftvoller Gestaltungswille, geboren aus dem sozialen Gewissen der Zeit und aus dem tiefen Verantwortungsbewußtsein, das der einzelne für sein ganzes Tun vor dem Schöpfer aller Dinge empfindet. Mit solcher Synthese wird es uns gelingen, auf dem Fundament der Marktwirtschaft eine soziale Ordnung der Gerechtigkeit, Sicherheit und Freiheit in zäher Arbeit Schritt für Schritt aufzubauen. Wir sind dazu auf dem Wege." W.-O. Reichelt