Spuren im Moor

Das war so üblich bei uns zu Hause: fünf Tage vor dem Fest stellte jedes der Kinder einen Holzschuh zurecht, und über Nacht legte dann der Osterhase eine kleine Empfehlung hinein – ein buntes Ei, ein paar Zuckerstückchen oder sonst einen begrüßenswerten Oster-Vorgeschmack.

Nun war es der Mutter wohl entgangen, daß ich schon zu den Kindern gehörte, denen die Freude auf solche Geschenktage vergällt ist, sei es nun, weil sie, wie viele Kinder, besonders aufmerksame Beobachter sind, oder sei es, daß sie durch hämische Worte eines älteren Spielgefährten "aufgeklärt" wurden.

Als daher die Mutter so nebenbei riet, ich möge doch einmal versuchen, ob nicht der Osterhase schon in der Gegend sei, da holte ich – um ihr nicht die Freude zu verderben – ein wenig träge meinen Holzschuh, wusch ihn ohne Sorgfalt, stellte ihn zurecht und nahm am anderen Morgen ein kleines Zuckerhäschen heraus, Wobei ich größere Freude heuchelte, als ich wirklich empfand.

So tat ich am nächsten und am dritten Tage, dann aber wurde ich des kindlichen Glaubens überdrüssig, mit welchem die Mutter bei mir einen gleichen Kinderglauben voraussetzte. Halb zweifelnd, halb trotzig stellte ich meinen Holzschuh auf eine kleine Insel des Niersbruches. Dort mochte der Osterhase – falls es ihn gab – seine Geschenke ablegen.

Beim Schlafengehen fragte mich die Mutter erstaunt, ob ich denn in dieser Nacht keinen Schuh aufstellen wolle.

"Ich habe ihn auf die Niers-Insel gebracht."

"Aber Junge", rief die Mutter erschreckt, "da ist es ja dunkel –, wie soll der Osterhase deinen Holzschuh finden?"

Spuren im Moor

"Auch in unserer Küche ist es dunkel, Mutter, außerdem wird die Haustüre abgeschlossen, aber der Osterhase findet trotzdem herein."

"Ja", murmelte die Mutter zögernd, man sah ihre Verlegenheit ohne große Menschenkenntnis, "ja, dunkel ist es auch hier, und vielleicht findet er deinen Holzschuh auch im Bruch."

Er fand ihn! – Meine Erschütterung am nächsten Morgen war ungeheuer: ein blaues Ei, ein rotes Ei, dazu wohl zehn kleine Zuckereier, und auf dem Himmel des Holzschuhs thronte – wie zu Spott und milder Ermahnung – ein Abbild des Spenders aus Schokolade.

Es gab ihn also, den Osterhasen, meine Freunde logen und die eigenen Beobachtungen hatten mich zu Fehlschlüssen verleitet. Dankbar sammelte ich meine Geschenke ein, sah aber, als ich mich bückte, im modrigen Boden, den Abdruck eines Frauenschuhs.

Argwöhnisch folgte ich der Spur. Sie führte kreuz und quer über die ganze kleine Insel. Oft war der Eindruck so tief, daß man vermuten konnte, hier sei ein Mensch bei Nacht und Nebel ratlos suchend umhergerirrt und zeitweise bis über die Knöchel im Moor gewatet. Ich fand sogar die Stelle des Übergangs über den flachen Niersarm. Es war nicht der günstigste Platz, denn hier geriet man knietief ins kalte Wasser, während ein Kundiger bei der Furt fast trockenen Fußes auf die Insel gelangen konnte.

Als ich zu Hause ankam, sah ich, daß Mutter beim Schuhputzen war. Schon lag auf einem Zeitungsblatt vor ihr ein ganzes Häuflein schwarzer Brucherde, und immer noch bürstete und putzte sie an ihren Schuhen herum.

Beglückt und ein wenig beschämt zeigte ich meinen Fund. Sie lächelte und schob ihre Schuhe unter das Topfregal. Noch jahrelang habe ich dann an den Osterhasen geglaubt, und, dem Spott meiner Schulfreunde zum Trotz, mich sogar wieder auf Ostern freuen können,