B. P., Stockholm, Ende März

Man war pessimistisch gewesen und hatte sich auf einen fühlbaren Konjunkturrückschlag eingestellt. Als die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt fielen und die Preise für schwedische Zellulose von ihrem Korea-Rekord von etwa 1600 skr. je t auf etwa 800 skr. fielen, da hat man die Zukunftsaussichten der Handels- und Zahlungsbilanz sehr ernst betrachtet. Als im Winter sich zum ersten Male seit über zehn Jahren eine gewisse Arbeitslosigkeit in Schweden zeigte, da rechnete man mit ernsten Folgen.

Erfreut und etwas überrascht stellt man heute fest, daß das erwartete "Unwetter" bis heute ausgeblieben ist. Der Rückschlag, den man bisher erlebt hat, war gar nicht so schlimm. Seit Wochen legen die schwedischen Unternehmen für 1952 Ab-Vorstehendes Schaubild vermittelt einen Überblick darüber, wie sehr heute Chemiefasern an der Sicherung des Textilfaser-Haushalts der Welt beteiligt sind. Die Naturseideproduktion hat sich in den letzten 20 Jahren auf ein Drittel vermindert; die Schafwollerzeugung verzeichnet nur eine verhältnismäßig geringe Zunahme. Demgegenüber muß beachtet werden, daß die Bevölkerung der Welt ständig wächst und jährlich um 20 Millionen Menschen zunimmt. Wenn auch die Aufstiegskurve der Chemiefaser-Produktion infolge der verhängnisvollen Kriegseinflüsse zeitweilig unterbrochen war, so werden doch seit 1945 immer größere Mengen an Chemiefasern erzeugt. 1951 belief sich die Kunstseide- und Zellwollproduktion der Welt auf 1,8 Mill. t und überstieg die Schafwollerzeugung damit bereits um 700 000 t. schlüsse vor, die entweder das Ergebnis von 1951 noch übertreffen oder es zumindest wieder erreichen. Und wenn es unterschritten wird, wie in der Zelluloseindustrie, dann ist es immer noch recht gut. Auch dann sind nach dem fetten Konjunkturjahr 1951 nennenswerte Reserven da. So gebtn denn die bisher veröffentlichten Abschlüsse fast alle die gleiche Dividende wie im vorhergehenden Jahre. Da die Börsenkurse seit dem Tode des sowjetischen Staatsoberhauptes einen Rückschlag erfuhren, geben nun manche Aktien eine reale Verzinsung von 5 und sogar über 6 v. H. Einen Rekordabschluß legte der Elektrokonzern ASEA vor, dessen Umsatz 1952 eine Mrd. skr. (etwa 800 Mill. DM) überschritten hat.

Als Ganzes gerechnet lag die Produktion der schwedischen Industrie 1952 rund 2 v. H. unter dem Vorjahrsstand. Dabei muß man berücksichtigen, daß der gesetzliche Urlaub für alle Arbeiter und Angestellten 3 Tage länger war als 1951. 1953 wird er volle 3 Wochen betragen. Das macht rund 1 v. H. der Jahresproduktion aus. Auf den Konjunkturrückschlag entfallen also nur rund 1 v. H. Mit so wenig hatte man gar nicht gerechnet. In den letzten Wochen mehren sich nun die Anzeichen, daß der Rückgang, von lokalen Schwierigkeiten abgesehen, aufgehört hat und sich die Beschäftigunglage wieder bessert. Mit hierzu trägt bei, daß die Zahl der für 1953 vorgesehenen Neubauwohnungen größer als bisher sein wird. Auch hat die Regierung den Konjunkturrückschlag des Winters dadurch aufgefangen, daß Einnahmeüberschüsse des Staatshaushaltes (man hatte bewußt die Steuerschraube schärfer als nötig angezogen, um die Inflation durch eine Abschöpfung des Kaufkraftüberschusses zu bremsen) wieder ausgegeben und so als Nachfrage aktiviert wurden. Der schwedische Finanzminister Sköld reguliert heute die Konjunktur mit der Steuerschraube, statt wie einst in alten Zeiten mit dem Diskontsatz, und er ist davon befriedigt.

Auch die Zahlungsbilanz 1952 fiel besser aus, als man erwartet hatte. Trotz eines Einfuhrüberschusses im Warenaustausch in Höhe von rund 860 Mill. skr. ergab, sich ein Überschuß in der Zahlungsbilanz von 132 Mill skr., der der Devisenreserve zufloß. Natürlich hatte man den Rekordüberschuß von 1951 von 1046 Mill. skr. nicht ein zweites Mal erreichen können.

Ein wichtiger Faktor für die Aufrechterhaltung der Konjunktur und der Kaufkraft ist die Tatsache, daß die hohen Löhne auch für 1953 im allgemeinen unverändert beibehalten werden. Die Lohnverhandlungen sind sehr zähflüssig verlaufen und gehen für einige Berufsgruppen immer noch weiter, wobei die schweren Geschütze des Streiks und der Aussperrung bereits drohend aufgefahren wurden. In den meisten Fällen aber kam es im letzten Augenblick stets zu einer Einigung. – In den Kreisen der Schiffahrt und der Werften hatte man ebenfalls etwas sorgenvoll in die Zukunft geblickt. Zwar sind die Werften noch auf Jahre mit Aufträgen aus dem In- und Ausland versehen und dabei, ihre Kapazität für Großtanker bis etwa 40 000 t auszubauen. Aber der eiserne Griff der Krediteinschränkungspolitik drohte auch die Schiffshypothekenkasse zu erfassen. Nun aber scheint diese Gefahr durch eine Stellungnahme des staatlichen Kommerskollegiums abgewehrt, in der erklärt wird, daß für absehbare Zeit mit einem steigenden Bedarf an Tankertonnage zu rechnen sei und daß man die freie Entwicklung der Schiffahrt möglichst nicht behindern, dürfe.

Was den Außenhandel angeht, so scheint sich der Zellulosemarkt nun zu stabilisieren, denn die Lager der Hersteller schrumpfen immer mehr auf ihren normalen Umfang. Auf dem Weltmarkt, scheint sich für Papier, auch wieder eine mehr normale Nachfrage zu entwickeln. Die Einfuhr Schwedens lag im Januar mit 697 Mill. skr. weiter auf einem hohen Stand, wenn auch weit unter dem Rekord des Vorjahres von 876 Mill. skr. Westdeutschland steht als Lieferland weit an der Spitze mit 125 Mill skr. im Januar oder etwa 17 v. H. gegen 129 Mill. skr. oder etwa 15 v. H. im Januar 1952.

Zusammenfassend kann man sagen, daß sich die schwedische Wirtschaft immer noch auf einem hohen Stand befindet, der gegenüber der vorhergehenden fieberhaften Superkonjunktur den Vorteil hat, daß er normaler und deshalb stabiler ist.