Von Vilma Sturm

Wenn es Ostern wird, gleitet die Sonne aus dem wäßrigen Zeichen der Fische in das Haus des Widders; um die Monatsmitte nimmt dann der Stier die Sonne auf seinen Nacken und stürmt mit ihr am Himmelsgewölbe dahin. Nun hat die Sonne ihren vollen Glanz, ihr volles Licht. Und jetzt erweckt sie die Farben der Erde. Es ist noch nicht das tiefe, prangende Rot des Sommers; es ist ein Gelb wie Trompetengeschmetter in den lackierten Blütenblättern des Scharbockskrautes, ein inniges Blau auf den Hecken wegen, und Gelb und Blau vermählen sich zum Grün, der Lenzfarbe, in der das Auge wie in einem Bade sich erquickt.

Wenn es Ostern wird, brechen die Wasser auf, entlassen aus der Eisgefangenschaft, ledig der Fesseln, die Frost und Reif ihnen auferlegten. Nässe beherrscht die oberen und unteren Bereiche. Nässe ergießt sich aus den Wolkenschößen in schweren Tropfen und feinen Regenschnüren oder füllt das Tal als Nebelniederschlag.

Wenn es Ostern wird, beginnt die Luft ihre Spiele. Aus den vier Himmelsrichtungen machen sich die Winde auf. Der Föhn, der große Tauwind unserer Breiten, ist im Anzug, wenn die Wälder schwarz auf den Hängen stehen und scharfe Umrisse bekommen. Er braust nächtens um die Höfe und Hütten und trägt den Duft des Seidelbasts auf seinen dunklen Flügeln. Später schwirren schlanke Nordwestwinde querfeldein, fahren mit frechen Stößen um alle Ecken, reißen den Geheimräten die Hüte vom Kopf und benehmen sich schlecht mit der Wäsche auf der Leine. Der südliche Hauch aber ist es, der das Laub unter den Hecken zuhauf weht und darunter die ersten Veilchen weckt, mit sanften Fingern rührt er die Wetterharfe.

Die Wolken haben ihr Wesen am Himmel; geballte Architekturen, runde Bäuche und geschwellte Segel, zerfetzte Tücher, Schleier und lichte Fahnen, schiefergraue Wände, die plötzlich aufreißen und eine Helle wie aus Messing sehen lassen; helle Apfelsinenfarben im Westen, rosige Gebirge im Osten, flaumiges Geflatter aus himmelblauer Seide oder dahintreibende Teppiche, aus deren Fransen das Wasser träuft. In den Lüften reisen die Glocken in der Karwoche nach Rom und kommen Ostern wieder, um das große Allelujah einzuläuten, die Glorie des Herrn.

Wenn es Ostern wird, schwillt die Erde. Die starre Erdkruste, hart und voller Risse vom Frost, wird feucht, locker und geschmeidig. Die braun glänzenden Schollen der Äcker bedecken sich mit grünen Schleiern. Über die Wegränder sind die Goldtaler des Huflattichs verstreut. Selbst die Schutthaufen werden fruchtbar und bringen Brennnesseln hervor, deren Genuß das Blut rein macht; der Löwenzahn zündet seine kleinen Sonnen an, und die weißen Taubnesseln öffnen sich den Hummeln. Aus den zerbochenen Tonscherben des letzten Hinterhofes sprießt Grünes. Den Bäumen schießt der Saft ins dürre Astwerk, aus den prallen, klebrigen Knospen strecken sich die Blattspitzen, standartengleich. Über Nacht steht der Mandelbaum in Blüte, ein rosa Wellenschaum, wie verloren überm lehmigen Grund der Gartenwege. Vogelbeeren und Weiden blitzen mit silbernen Lichtern, die Lärchen legen helle Nadelgehänge an, den Trauerweiden rieselt das junge Grün kaskadengleich ums gebeugte Haupt.

Die Vögel, Heerscharen auf der Reise von Süden nach Norden, fallen in Gärten und Haine ein, Bienen umbrausen die Weiden, und die Schnecken erwachen. Der Schmetterling, leichtestes aller Geschöpfe, trägt im Sammetschimmer seiner: Flügel eine Ahnung aus dem verlorenen Paradies in die aufrührerische Welt.