Der wirtschaftliche Wiederaufbau in Westdeutschland ist im Tempo langsamer geworden. Das hat seine realen Gründe; aber wir spüren nun auch sehr deutlich die Grenzen, die vom Menschlichen her gesetzt sind. Je weiter wir uns vom Stadium der Enttrümmerung unserer Wirtschaft entfernt und in das Stadium einer normalen Entwicklung hineingemüht haben, um so klarer wird es, daß jede wirtschaftliche Leistung, auf die es jetzt ankommt, das Ergebnis von Arbeit und menschlicher Bewährung ist, die hinter ihr steht. Nicht nur gute Maschinen, sondern auch heile Menschen braucht man zur Produktion. –

Es ist gut, einmal in Loccum gewesen zu sein. Dort, in der Nähe von Hannover am Steinhuder Meer, steht die heute wohl bekannteste jener Evangelischen Akademien, mit deren Gründung die Kirche nach dem Kriege einen neuen Weg zur Heilung und Formung des öffentlichen Lebens beschritten hat. Bis zum Herbst vergangenen Jahres stand die Wirkungsstätte dieser Akademie noch in Hermannsburg. Von Wochenende zu Wochenende treffen sich hier Menschen der verschiedensten Berufsstände. Sie kommen als Gäste der Kirche, nicht, um die Botschaft des Christentums entgegenzunehmen, sondern um über die Nöte und Fragen zu sprechen, die den Menschen bewegen, der in der täglichen Auseinandersetzung des Berufslebens steht. Natürlich gilt auch an dieser Stätte der Kirche das Gebet und das Wort der Bibel, aber im Mittelpunkt steht doch nicht die Predigt, sondern das Gespräch, – das Gespräch als wohl bewußter Ausdruck dafür, daß die Kirche sich mit diesen Akademien nicht nur eine erweiterte Plattform schaffen will, um in das Leben hineinzureden, sondern daß sie an diesem Ort mitten in ihm steht.

Diesmal waren es Wirtschaftler, die sich zu einem Gespräch zusammengefunden hatten. Worüber sie sprachen? Über das, was wohl auch des anderen Frage und Sorge war, die vor ihnen hier waren: den Angestellten und Arbeitern, den Bauern und Technikern, den Ärzten und Juristen, den Jungen und Älteren. Zwar waren es feste Themen, die auf dem Tagungsprogramm standen, – bestimmte Probleme der Wirtschaft und besondere Anliegen der Kirche. Aber alles das war doch die nur von verschiedenen Seiten angegangene, immer gleiche Frage nach dem Menschen. überhaupt: nicht was, sondern wie es gesagt wird, ist hier wichtig. Dieses Wie ist das bewegende Erlebnis. In Loccum wird nicht nur jedem, der etwas zu sagen hat, das Wort gegeben, sondern hier herrscht auch jene aufgeschlossene Atmosphäre, die selbst den ärgsten Programmatiker veranlaßt, auf den anderen zu hören. In Loccum kann man es immerhin erleben, daß das uns auch heute noch möglich ist. Wenn der Kirche, was sie hier im kleinen fertig bringt, auch im großen gelingen würde, dann hätte sie allerdings Entscheidendes für die Gesundung unseres gesellschaftlichen Lebens getan.

Nun geht der Weg zu diesem Ziel freilich in die Stille. Er führt nicht über die große Zahl, sondern über den einzelnen und seine Sammlung in Gruppen, die vielleicht einmal zur Zahl werden können. Er führt auch nicht über die Ankündigung von Programmen – indem man etwa der liberalen und sozialistischen Sozialauffassung eine evangelische gegenüberstellt –, sondern über die mühevolle Arbeit am Menschen, der erst dann, wenn er ganz Mensch ist, zum Glauben kommen kann. Und darum ist das vielleicht das Beste, was der, der dort war, über Loccum sagen kann: dieser Ort ist keine Missionsanstalt und auch keine Schulungsburg, sondern eine Stätte, an der sich Menschen aufeinander und darüber auf das Ganze besinnen...

Man verläßt Loccum ohne "sachliche Resultate", aber doch mit dem Gewinn des Wiederaufgeschlossenseins für die Fragen, die aus dem wirtschaftlichen Alltag kommen und doch über ihn hinausgehen. Denn warum pflegen wir in unseren Betrieben die sogen. "menschlichen Beziehungen"? Doch nicht allein aus einem aufbegehrenden Mitleid mit dem Menschen, der in dem Räderwerk der entseelten Apparatur entzweizugehen droht, sondern auch deswegen, weil selbst der modern eingerichtete Betrieb ohne ein spezifisch menschliches Klima nicht zu der Leistung kommt, die in der Konkurrenz des Marktes erfolgreich bestehen kam. Auf eine sehr handgreifliche Weise zeigt sich hier die geistige und materielle Zuordnung unseres Wirtschaftens. Der ökonomische Erfolg ist, im Gegensatz zu der These einer sich tragisch gebenden Entweder-Oder-Weltanschauung, nicht gegen, sondern nur mit dem Menschen möglich, wie anders auch der Mensch nur in der Realität ökonomischer Beziehungen existieren kann und sie so oder so zur Kenntnis nehmen muß. Aber der Betrieb ist doch nur die Zelle des Wirtschaftslebens. Kein guter Arzt, der Krankes heilen will, sieht nur die Zelle; er sieht den Organismus. Der gesamte Wirtschaftsorganismus, der heute mit seinen Organisationen und Verbänden die Übersetzung der technischen Maschinerie auf die gesellschaftliche Ebene ist und so zum Apparat wurde, bedarf der Koordination, wenn er sich nicht im Gegeneinander der Interessen und Meinungen irgendwann einmal totlaufen soll.

Und hier liegt eine Aufgabe für die Kirche. Im einzelnen Betrieb mag es genügen, den verlorenen menschlichen Bezug wiederherzustellen. Jene Massengruppierungen aber, die heute unser gesellschaftliches Leben so entscheidend bestimmen, lassen sich aus dem Nur-Menschlichen nicht koordinieren. Dazu brauchen wir doch wohl andere, über die Subjektivität hinausgehende objektive Maßstäbe.

Wir wissen, der Staat gestaltet heute nicht unsere wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen. Die Geschichte der Gesetzgebungsakte unserer Bundesrepublik zeigt, daß er in viel zu großer Nähe und darum auch Abhängigkeit zu den gesellschaftlichen Zweckgruppierüngen operiert, um den Rahmen für ihr Zusammenwirken abgeben zu können. Vielleicht war er das aus sich heraus auch nie, sondern immer nur die Objektivierung hinter ihm stehender geistiger Mächte, die ihre ordnende Kraft im letzten aus dem Religiösen nehmen. Wolfgang Krüger