Exkönig Carol von Rumänien ist am Ostersonnabend in seiner Villa in Lissabon im Alter von 59 Jahren gestorben.

Ein Jahrzehnt hat Carol II. in Rumänien regiert, die zehn entscheidungsvollen Jahre von 1930 bis 1940. Im Westen glaubte man, das Bemerkenswerte an seiner Person darin finden zu können, daß er sich schon als junger Offizier im ersten Weltkrieg über alle Standesschranken hinwegsetzte und in Odessa ein junges Mädchen ungeklärter Herkunft heiratete und daß er später seine Familie verließ und den Thron riskierte, um mit seiner Geliebten, Madame Lupescu, zusammenleben zu können. Das mag auf seine Stellung und auch auf seine Politik abgefärbt und außerdem dem Verfall des monarchischen Ansehens in Rumänien Vorschub geleistet haben. Viel interessanter aber als die Rolle des Liebhabers ist die, die er als Politiker durchgeführt hat. Carol war einer der großen Spieler in dem dem Westen offenbar gänzlich unverständlichen Kampf um das Schicksal dieses überaus wichtigen europäischen Raumes, der nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie ungeordnet übrigblieb und seither das Ziel der jeweils stärksten Macht Europas ist. Unter diesen Spielern war er wahrscheinlich der stärkste, und unter den in Frage stehenden Ländern war Rumänien mit seinen wirtschaftlichen Reichtümern jedenfalls das wichtigste.

Carol, der noch zu Lebzeiten seines Vaters Ferdinand des Thrones verlustig erklärt worden war, kehrte 1930 aus dem Ausland nach Rumänien zurück. Seine Ankunft in Bukarest stand, wie sein ganzes politisches Leben, im Zeichen der Intrige. Nach einer fast siebzigjährigen ununterbrochenen Herrschaft war die Liberale Partei, ein Familienunternehmen der Bratianus, 1928 geschlagen worden und hatte der neu aufkommenden Nationalen Bauernpartei Julius Manius das Feld räumen müssen. Maniu war ein Demokrat mit Idealen, der aus dem ungarischen Nationalitätenkampf kam und einigermaßen westeuropäische Ansichten über Parlament, Verwaltung und dergleichen hegte. Mitsamt seiner Partei wurde er in Bukarest als ein Fremdkörper angesehen – Parteien gerierten sich dort als eine Art Erwerbsgenossenschaften –, und so sah er bald, daß er sich gegen die Liberalen, die alle Schlüsselpositionen in der Wirtschaft innehatten, nicht würde halten können. Da rief er mit Unterstützung der Armee Carol zurück, von dem er wußte, daß er die Liberalen haßte. Die Liberalen waren es ja gewesen, die einige Jahre zuvor den Thronverzicht erzwungen hatten.

Carol machte einige Versprechungen, darunter die, daß er auf Madame Lupescu verzichten und sich mit seiner Gattin, der griechischen Prinzessin Elena, versöhnen werde, aber er hielt sich nicht an seine Zusagen. Auch Maniu gegenüber zeigte er keine Dankbarkeit. Er säuberte zwar die Führung der Liberalen Partei, aber dann gab er ihr, nach einem kurzen Zwischenspiel, das Wahlmandat Dieses Wort sagt im Westen nichts, wohl aber bedeutete es im damaligen Rumänien und auch in einigen anderen Balkanländern viel. Wer dort die Wahlen „machte“, das heißt, wer in den Wochen vor dem Wahltag Ministerpräsident war, der war auch der Sieger der Wahlschlacht. Speziell das rumänische Wahlgesetz sah vor, daß die Partei 60 v. H. der Sitze erhielt, die 40 v. H. der Stimmen erlangte. Dies zusammen mit einem wirksamen Wahlterror machte das Wählen zu einer Formalität. Der Beauftragte des Königs erhielt gewissermaßen automatisch die Parlamentsmehrheit, auch Männer ohne Anhängerschaft im Volk und ohne Rückhalt in der eigenen Partei konnten auf diese Weise reüssieren. Die Folge war eine totale Abhängigkeit vom König. Das Parlament war eine Fassade, die man höchstens für die öffentliche Meinung der kreditgebenden Engländer und Franzosen brauchte.

Aber während dieses Spiel der Macht vor sich ging, waren die sozialen Zustande im Lande katastrophal. Bauern, die von Wucherern ausgeschlachtet wurden, hungerten auf ihren reichen Böden, die Löhne waren weithin unter dem Existenzminimum, die Administration war traditionell korrupt, die Gerichte sprachen Recht nach den Winken der Regierung. So entwickelte sich, trotz eines sehr heftigen nationalen Gegensatzes zu Rußland, eine kommunistische Partei, die zwar ständig verboten war, aber im Untergrund dennoch wirken konnte. Daß die Behörden ihrer nicht Herr wurden, rief auf der anderen Seite faschistische und besondere Arten von christlich-antisemitischen Bewegungen auf den Plan, von denen die „Legion des Erzengels Michael“, die sogenannte Eiserne Garde Codreanus, die stärkste war. Mit den alten und mit diesen neuen Parteien, Bewegungen, Kräften schlug sich Carol stets mit dem einzigen Ziel herum, die ganze Macht in der Hand zu behalten. Man kann nicht ohne weiteres sagen, daß daraus nur Machthunger und Egoismus sprachen. Wahrscheinlich hat Carol die Labilität des sozialen Zusammenhalts in seinem Lande ganz richtig erkannt, in dem eine kleine hauptstädtische Schicht unbarmherzig alle Reichtümer an sich zog. Diese Struktur, an der er und die Clique, auf die er sich stützte, selbst interessiert waren, wagte und vermochte er nicht zu ändern, und so sah er in der Konzentration aller Macht in seiner Hand das einzige Mittel, den Staat zusammenzuhalten. Das war nicht immer ungefährlich, wie die Morde der Legionäre zeigten, denen mehrere Ministerpräsidenten und Minister zum Opfer fielen. Das Ergebnis dieser Machtpolitik aber war, daß Carol in verhältnismäßig kurzer Zeit alle diese echten und unechten politischen Kräfte zerschlug, verbrauchte und kompromittierte. 1938 war es soweit, daß nichts mehr vorhanden war: er mußte eine Staatspartei gründen, die ohne Wurzeln in der Bevölkerung war und ein Scheindasein führte. Dazu berief er den Patriarchen Christea, der die Regierung bilden und eine „Verfassungsreform“ durchführen mußte. Das geschah so, daß am 24. Februar 1938 die Wähler unter Strafdrohung vor den örtlichen Behörden öffentlich eine Erklärung abzugeben hatten, ob sie für oder gegen die neue Verfassung des Königs stimmen wollten. Auf diese Weise wurde der Anschein einer Legitimität des neuen Regimes erlangt; denn nur 5413 von 4,5 Millionen Wählern wagten es, sich gegen die Verfassung auszusprechen.

Carol war jetzt am Bodensatz seiner Regierungskunst angelangt. Er verschärfte zwar noch den Kampf gegen die Legionäre, indem er Codreanu und ein Dutzend weiterer Führer dieser Organisation ermorden – auf der Flucht erschießen – ließ. Aber es war nun niemand mehr da, mit dem er hätte Politik machen können. Die Liberalen waren ebenso zerschlagen wie die Konservativen, die Bauernpartei stand gemeinsam mit den Legionären in der Illegalität. Als Carol im Juni 1940 Bessarabien und die Südbukowina an die Sowjetunion und kurz darauf auf Verlangen Hitlers einen Teil Siebenbürgens an Ungarn und einen Teil der Dobrudscha an Bulgarien abtreten mußte, wurde seine Situation auch in seinem eigenen Apparat kritisch. Ein Versuch, durch Ernennung des Generals Antonescu seine Beziehungen zu Hitler zu verbessern, mißlang. Antonescu zwang ihn zur Abdankung und ließ seinen Sohn Michael zum König ausrufen, denselben Michael, den Carol bei seiner Rückkehr im Jahre 1930 selbst abgesetzt hatte. Ihm blieb nichts mehr als die Abreise ins Ausland, die er in Begleitung der Madame Lupescu sogleich antrat.

Die Politik Carols war repräsentativ für eine ganze Reihe der südosteuropäischen Staaten. Auch Alexander in Jugoslawien und Boris in Bulgarien haben in einer ähnlichen Weise regiert, das heißt, die Parteien und Bewegungen, die sich ihnen zur Verfügung stellten, rücksichtslos verbraucht. Als ihre Nachfolger 1944 kapitulierten, war nichts mehr da, was sich den aus der Illegalität auftauchenden Kommunisten hätte entgegenstellen können. So konnte die „jeweils stärkste europäische Macht“ – und diesmal war es die Sowjetunion – widerstandslos diese Länder überfluten und behaupten. Es mag wohl sein, daß sich die Völker heute nach ihren Königshäusern zurücksehnen. Aber es ist nicht der Sinn der Politik, nachträgliche Reue- und Sehnsuchtsgefühle nach einer bestimmten Ordnung zu erwecken, sondern diese Ordnung erfolgreich zu behaupten. Das haben die Balkandynastien verfehlt. W. F.