Noch ein Stefan Zweig konnte mit Stolz von sich erzählen, er sei so unpolitisch, daß er von seinem Wahlrecht nie Gebrauch gemacht habe. Es kamen die Jahre, da andere für ihn wählten und die politischen Entscheidungen über ihn fällten, und im heutigen Wien wird man kaum einen Autor von einigem geistigen Gewicht finden, der in Dingen der Politik nicht eine sehr eindeutige Stellung bezogen hätte. Das kommt einfach davon, daß die bewegten Zeiten auch den Künstler zu einem So oder So gezwungen haben. Genauer gesagt: die Ost-West-Spannung, die heute das Antlitz Wiens bestimmt.

Der Vergleich mit Berlin stimmt nicht. Wien ist Sitz einer gesamt-österreichischen Bundesregierung, die im ganzen Lande ihre Souveränität ausübt, sich höchstens gewisse Einschränkungen durch die Besatzungsmächte gefallen lassen muß. Ebenso einheitlich ist die Stadtverwaltung. Auch den „Sektorengrenzen“ fehlt das Schicksalsgeladene der Berliner Grenzbarrieren. Zwar schaltet der NKWD im Russensektor etwas unbehinderter, zwar verbieten einmal die Sowjets in ihren Bezirken ein antikommunistisches Plakat oder drücken einen ihnen genehmen Polizeikommandanten auch gegen den Willen des Innenministeriums durch, aber viel schärfer ist die Trennung nicht – zumindest nicht an der Oberfläche. Schärfer ist die Spaltung im Geistigen –, aber die ist nicht an Bezirksgrenzen gebunden. Allerdings haben alle vier Alliierten ihre Propagandaburgen, ihre geistigen und künstlerischen Zentren, ihren Ausstrahlungsbereich.

Wer abends auf dem Karlsplatz – dem südlichen Ausgang der Kärntner Straße – steht, sieht südwärts das Porrhaus mit der Leuchtschrift „Sowjetisches Informationszentrum“, nördlich am Beginn der Kärntner Straße das britische und ein Stück weiter hinten das amerikanische Informationszentrum. Die entsprechende französische Stelle ist zwar von diesem Punkt aus nicht sichtbar, liegt aber ebenfalls nur wenige Meter von der Kärntner Straße entfernt. Die Arbeit dieser Häuser entspricht durchaus dem, was ähnliche Institute in Deutschland leisten: Vorträge, Theater- und Filmvorstellungen, Lesehallen, Bibliotheken und Ausstellungen bestreiten das Programm. Im Winter werden die warmen Zeitungslesesäle gerne als Wärmestuben oder Kaffeehausersatz benützt. Im großen ganzen erfaßt die „Infiltration“ dieser Zentren wohl nur den Personenkreis, der der betreffenden Macht von vornherein freundlich gegenübersteht.

Anders im kalten Radiokrieg, der Wien seit 1945 erfüllt. Die Ravag, vormals die monopolistische Sendegesellschaft Österreichs, liegt in einem Russenbezirk. Nun haben zwar die Sowjets diesen Sender nicht gleichgeschaltet, überlassen sogar die Programmbildung Österreichern, die alles eher als östlich eingestellt sind, aber sie üben eine sehr fühlbare Zensur, beanspruchen die besten Sendezeiten für ihre „Russische Stunde“ und reden bei der Gestaltung aktueller Sendungen ein gewichtiges Wort mit. Bei der stark antikommunistischen Einstellung der Wiener geriet also die Ravag bald in Mißkredit, und der von den Amerikanern errichtete Rot-Weiß-Rot-Sender wird heute schon, deshalb am häufigsten gehört, weil er seine Propaganda geschickter tarnt.

Russen und Amerikaner sind auch die einzigen Mächte, die in Wien eigene Zeitungen unterhalten. Die Russen haben Gebäude und Einrichtung des alten Steyrermühlverlags (in dem das „Tagblatt“ und die „Volkszeitung“ erschien) konfisziert und lassen dort ihre „österreichische Zeitung“ und die kommunistische „Volksstimme“ erscheinen. Die Amerikaner geben das Mittagsblatt „Wiener Kurier“ heraus. Sehr stark ist die russische Vormacht im Filmwesen zu spüren, denn Österreichs größte Ateliers am Rosenhügel sind russischer Besitz geworden. Man dreht dort mit dem Geld der russischen Militärbank und setzt die Filme in der ganzen östlichen Welt bis weit ins innere Rußlands hinein ab. Der weltanschauliche Einfluß bei der Gestaltung ist dementsprechend stark, und die österreichische Eigenproduktion ist auf die kleineren Ateliers in Sievering und Schönbrunn angewiesen.

Nimmt man hinzu, daß die Kommunisten als einzige über ein Parteitheater, die Scala, verfügen, so versteht man, daß der rein materielle Druck auf die Künstler ziemlich stark ist. Vor einiger Zeit scheiterte eine Aufführung von Sartres „Schmutzige Hände“ im Volkstheater daran, daß man die dafür vorgesehenen Schauspieler wissen ließ, sie könnten, wenn sie sich zu dieser Aufführung hergäben, nicht mehr mit einem Engagement an den Ravag-Sender rechnen. Immerhin gehören solche Maßnahmen, die in Berlin selbstverständlich sind, in Wien zu den Ausnahmen. Aber eine Scheidung der Geister hat sich auch hier immer deutlicher herausgebildet. Noch vor einigen Jahren gab es in Wien Intellektuelle, die glaubten, sich in aller Harmlosigkeit zu kryptokommunistischen Kundgebungen nach Paris oder Prag einladen lassen zu können. Sie wurden dann in der KP-Presse mit solchem Applomb als „Vorkämpfer der Freiheit“ gefeiert, daß sie nicht wußten, wie ihnen geschah. Sie mußten entweder mit aller Schärfe vom östlichen Lager abrücken oder völlig darin aufgehen – wozu nur die wenigsten Lust hatten.

Denn der Geist steht hier nicht mehr links, wie er es in den zwanziger Jahren tat. In einem Land, in dem die Kommunisten bei der letzten Wahl nur 5 von Hundert der Stimmen erhielten, ist auch für die Intellektuellen die rote Versuchung recht gering geworden. Selbst die Sozialisten, einst die bevorzugte Partei der Wiener Intelligenz, leiden heute Mangel an guten Köpfen. Sie sind inzwischen Koalitionspartei geworden und würden, akademische Parteigänger für die von ihnen zu besetzenden Staatsposten brauchen, aber in der Intelligenz finden sie ebenso wenig Gegenliebe wie die andere Regierungspartei, die ÖVP. Das System des Proporzes, nach dem in Österreich seit Jahren alle Machtinstitutionen von der Staatsverwaltung über die Presse bis zu den Theatern und Kinos zwischen Volkspartei und Sozialisten aufgeteilt werden, hat die Intellektuellen noch mehr als die übrige Bevölkerung in eine ablehnende Stellung gedrängt. Die bevorzugte politische Couleur dieser Kreise wäre ein moderner Liberalismus – aber für den gibt es im österreichischen Parteiensystem keinen Raum. Der politische Absentismus, der daraus resultiert, bringt parteilose Kandidaten in die Führungspositionen aller künstlerischen Standesvertretungen und Organisationen. Aber so mißtrauisch die Intelligenz dem Parteienproporz gegenübersteht, so sehr ist sie in ihrer Mehrheit westlich-europäisch orientiert.