Die Freilassung der sowjetischen Ärzte, die im Januar unter der Beschuldigung verhaftet worden waren, sie hätten als Agenten des Zionismus und der Westmächte so hochstehende Patienten wie Schdanow zu Tode kuriert, ist eine offene Desavouierung Stalins. Die Festnahme der Ärzte und die propagandistisch ausgewalzte Eröffnung des Verfahrens gegen sie waren Maßnahmen von so weittragender Bedeutung, daß sie nur mit seinem ausdrücklichen Einverständnis hatten getroffen werden können. Sie stützten die mit dem Slansky-Prozeß in den kommunistischen Ländern zutage tretenden Judenverfolgungen, führten nach dem Attentat auf die sowjetische Gesandtschaft in Tel Aviv zum Abbruch der Beziehungen mit Israel und lösten in der ganzen Welt einen Proteststurm aus.

Heute ist das alles mit einem Federstrich rückgängig gemacht. Mehr noch – alle Schlußfolgerungen, die die Sowjetpropaganda vor einem Vierteljahr aus den Ärzteverhaftungen zog, wurden widerrufen. Die antizionistische, lies antisemitische Haßkampagne ist abgeblasen, der Denunziantin Timaschuk wurde der Leninorden wieder abgenommen, die Geheimpolizei ist der unzulässigen Geständniserpressung bezichtigt. Aber die Freilassung der Sowjetärzte erfolgte nicht im Namen Stalins. Es wäre der neuen Sowjetregierung ein leichtes gewesen, zu behaupten, Stalin habe noch vor seinem Tod diese Schritte in die Wege geleitet. Sie tat es nicht. Offenbar mit voller Absicht behaftet sie ihn mit dem Vorwurf, in den letzten Wochen seiner Tätigkeit einen folgenschweren Irrtum begangen zu haben. Stalin ist posthum durch die Freilassing der Ärzte verurteilt worden.

Der Westen rätselt bereits, ob dieses Verhalten des Parteidirektoriums, das heute die Geschicke der Sowjetunion lenkt, den Beginn einer liberalen Phase der sowjetischen Innenpolitik bedeutet. Bisher spricht nichts dafür. Die Gesten sind zu sehr einstudiert, die Reden allzu abgewogen, die Friedensfühler von zu viel Systematik, als daß man von einer Wandlung des bolschewistischen Systems sprechen könnte. Stalin ist tot, aber der Stalinismus lebt noch. Die Epigonen Stalins können sich nur behaupten, wenn sie sein System der Machtausübung erhalten. Es wird einige Zeit dauern, bis sich herausstellt, ob das Ende seines Schöpfers den Auftakt für den Zerfall des Sowjetkommunismus darstellte. Die Entlassung der Ärzte, jedenfalls ist nichts als eine besonders wohlberechnete Maßnahme, die im verhandlungsfreudigen Westen den Eindruck vertiefen soll, es habe sich seit dem Tode Stalins etwas Grundsätzliches in Moskau geändert. In Wirklichkeit aber atmet die Verlautbarung der vorigen Woche, in der die Geständnisse von gestern als Fälschungen bezeichnet, die beamteten Folterknechte plötzlich zu Staatsfeinden erklärt werden, genau den Zynismus, der das Sowjetsystem in den bisherigen 35 Jahren seines Bestehens charakterisierte.

J. Sch.