Von Curt Mitau

Athen, im April

Das wirtschaftliche Programm des Feldmarschalls Papagos und seiner Sammlungsbewegung, die Ende 1952 an die Macht gelangte, läßt sich als eine umfassende Planung zur Leistungssteigerung und Rationalisierung verstehen. Der Ruf nach dem Mehr in Leistung und Erzeugung ist bereits vor den Wahlen laut erhoben worden und ist jetzt im Zeichen schwindender Dollarhilfe aktueller denn je. Dieses Mehr sollte in Griechenland auch ein Weniger an unproduktiven Reibungen innerhalb der administrativen und ökonomischen Apparatur bedeuten. Um aber in Griechenland, der Heimat eines nahezu hemmungslosen Wirtschaftsindividualismus, in diesem Sinne reformistisch vorzugehen, braucht man starke Männer in einer starken Regierung.

Die Voraussetzungen dazu sind in Athen vorhanden. Da ist das Symbol des Feldmarschalls als des militärischen Retters der Nation. Und da ist die scharfe Intelligenz des Koordinationsministers Markezinis, den der Feldmarschall zu seinem Stellvertreter ernennen will. Dem Portefeuille des Koordinationsministers kommt im griechischen Kabinett besondere Bedeutung zu. Das Koordinationsministerium ist erst nach dem Kriege und im Zusammenhang mit der Marshallplan-Hilfe geschaffen worden. Es koordiniert die sich aus der Anwendung der Marshall-Hilfe ergebenden Aufgaben mit den wirtschaftspolitischen Zielen der griechischen Staatsführung. Die Bedeutung der Aufgabe wird verständlich, wenn man bedenkt, daß seit Kriegsende fast 2,5 Milliarden Dollar in dieses kleine Land geflossen sind. Das entspricht etwa dem Zwanzigfachen des jährlichen Exporterlöses.

Das Koordinationsministerium ist ein Superministerium und seiner Wichtigkeit nach ein Schlüsselministerium. Merkwürdigerweise scheint den früheren Inhabern dieses Ministersessels nie ganz klar geworden zu sein, welche Möglichkeiten politischer Macht sich an dieser Stelle ergeben. Erst der letzte Koordinationsminister der liberal-linksdemokratischen Koalition, Kartalis, begann sich diesen Möglichkeiten zuzuwenden. Aber es war zu spät, um noch sichtbare Reformen vor Auflösung der Regierung durchzusetzen. Zu spät auch, um das Vertrauen der Wähler in die wirtschaftspolitische Kompetenz der Koalitionsparteien zu festigen.

Die Sammlungsbewegung des Marschalls Papagos gewann größere Stoßkraft, seit hinter ihr der ideenreiche, ehrgeizige und redegewandte Markezinis als wirtschaftspolitischer und politischer Berater stand. Viele sehen in ihm den eigentlichen Kopf der griechischen Sammlungsbewegung überhaupt – viele auch reden von einem „Kabinett Markezinis“, übrigens nicht etwa in einem den Marschall herabsetzenden Sinne. Die Opposition spricht von einer „getarnten Diktatur Markezinis“. Denn Markezinis wird die zweifellos bemerkenswerte Formulierung zugeschrieben, daß die Papagos-Regierung „das letzte bürgerliche Experiment Griechenlands“ darstelle, jenseits von ihr erstrecke sich der Kommunismus. Wie weit Markezinis politischer Ehrgeiz den des Wirtschaftlers überschattet, wird eine nahe Zukunft zeigen –, daß er nicht nur Wirtschaftspolitiker bleiben will, wird von vielen vermutet.

Nach einigen Monaten Amtszeit läßt sich erkennen, daß das Kabinett im Zeichen zunehmender Gegensätzlichkeiten steht. Das begann vor Wochen, als Markezinis überraschend die Zusammenlegung der beiden größten Kreditinstitute des Landes, der Nationalbank und der Bank von Athen, anordnete. Die kleinere Bank von Athen stellte den Gouverneur der neuen Bank. Der Sturm, den diese völlig unerwartete erste Maßnahme der Regierung in der Öffentlichkeit, insbesondere bei Aktionären und Angestellten, ausgelöst hat, ist noch nicht verebbt. Diese Bankfusion mag angesichts der Übersetzung des Bankapparates als volkswirtschaftlich berechtigt angesehen werden. Aber sie hat in der „Partei“ bislang verdeckte Spannungen freigelegt. Und dadurch könnte auch die für die geplanten Reformen notwendige Bewegungsfähigkeit der Kammer, in der die „Partei“ die übergroße Majorität stellt, gefährdet werden.