Es gibt keinen Wildwestfilm, den ich mir jemals entgehen ließe. Ich kenne sie alle, vom „Tal des Todes“ der Stummfilmzeit bis zum „Höllenreiter von Kentucky“ letzter Tonfilmprägung.

Ob es der „Geheimnisvolle Farmer“ oder der „Unbekannte von Texas“ ist, gleichviel, er reitet seit Jahrzehnten über die Filmleinwand, strafend und rächend, schießend und boxend, von Liebe und Kugeln umtost, unerschrocken, oft angeschossen, aber immer siegreich. Muß ja wohl seinen Grund haben, denn sonst ließen ihn die Gewaltigen des Films nicht immer wieder sein unermüdliches Pferd besteigen, seinen nie fehlenden Colt abfeuern und bildschöne, gut manikürte, aber schwer gefesselte Jungfrauen im letzten Augenblick erretten. Letztes Märchen, letzter Glaube an den Sieg des Guten: „Der rote Rächer der Sierra Nevada“.

Ein roh gezimmerter Tisch, an dem fünf (bei revolutionären Regisseuren vier oder sechs) Männer sitzen. Als Fachmann erkenne ich sofort, daß es Bösewichte sind. Denn diese sitzen immer an roh gezimmerten Tischen, so ist das Leben, und sind schlecht rasiert. Sie schmieden sofort und unbekümmert um die Platzanweiserinnen ihre teuflischen Pläne: eine Farm soll geplündert, eine Postkutsche, die wieder einmal mehrere Tonnen Gold befördert, überfallen werden. Und was böse Menschen in ihren freien Stunden so alles planen. Dann kommt das gute Prinzip, ich erkenne es sofort. Es ist tadellos rasiert, es hat einen sauberen Kragen um und blickt mild, aber mißbilligend auf das Gläschen Dünnbier, das jemand am Nebentisch trinkt.

So wird von Anfang an mit eindeutigen Figuren gespielt: das ist der Springer, das der Turm; das ist der Gute, das der Böse und das die schöne Unschuldige. Wie beim Schach, klare, festgelegte Figuren. Und sie ziehen ebenso, Zug um Zug. Der Schlechte tut Schlechtes, der Gute Gutes. Strindberg und Wilder und Sartre hingegen –, wie unklar und umständlich ist doch ihr Tun! Wie muß man sich in ihren Stücken plagen: wer ist nun brav und wer ist bös? Und dann – bei ihnen gibt es Böse, die aber auch Gutes tun, und Gute, die nebenbei auch unschön handeln; was für ein Durcheinander! Und ich soll mir am Ende das alles selbst erklären und soll herausfinden, wie es wirklich gedacht war... Nein, ich gehe lieber in die „Schlacht am Teufelsriver“. Da gibt es keine Zweifel, und wenn der „rostige Bill“ auf den ehrlichen Jack schießt, so tut er das nicht, weil er einen Ödipuskomplex oder eine verdrängte Unterbewußtseinreaktion hat, sondern weil er einen Colt besitzt und die 76 Kilo Goldstaub haben möchte, die der andere immer im Rucksack mit sich trägt.

Wie wohltuend, daß man im Wildwestfilm noch ein Reich erleben kann, wo Dauer ist und stattfinden! Genau wie der heutige hat der erste Haltbarkeit und keine unsoliden Veränderungen „Todesrächer“ ausgesehen, der mein Knabenherz entzückte und in mir den festen Entschluß reifen ließ, mir einen Colt und ein Pferd und einen breitrandigen Hut zu kaufen und durch Befreiung von Jungfrauen meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Und immer, trug das böse Prinzip dunkle Sombreros und fast immer einen kleinen widerlichen Schnurrbart. Es ist auch dieselbe Blockhüttensiedlung, heute wie damals, und ich bewundere die amerikanische Industrie, die Mittel erfand, diese Bauten durch Jahrzehnte immun gegen Wind und Regen zu machen. Rechts vorn ist die Bar und heißt Last Penny oder Golden Horse. Die Glühbirne über dem Eingang, die 1928 der finstere Pat in „Goldsucher vom Blue-river“ zerschoß, brutal wie er war, ist tadellos erneuert worden. Unkosten haben sie schon in Hollywood!

Hinter der Bar läuft das Gäßchen, aus dem 22 Minuten nach Beginn der Vorstellung auf den ehrlichen Percy geschossen wird, und dahinter ist das Haus, aus dessen erstem Stock die liebliche Maud mißbilligend auf die Mordhandlungen hinunterschaut. Auch sonst ist alles gleich geblieben; es ist das gleiche Tal, durch das die wackeren Siedler ziehen, die gleiche Blockhütte, die gleiche Liebe und das gleiche bittere Ende, das hier jeder findet, der sich häßlich gegen seine Mitmenschen benimmt.