Von Herbert Eisenreich

Nach Duden bedeutet original: ursprünglich, echt, eigentümlich, urschriftlich; Originalität: Selbständigkeit, Ursprünglichkeit, wesenhafte Eigentümlichkeit; originell: ursprünglich, schöpferisch, eigenartig, einzigartig, eigen, neu, urwüchsig, selbständig, angeboren, echt, natürlich, komisch. Und Karl Kraus hat gesagt: „Ursprung ist das Ziel.“

Wenngleich es uns als selbstverständlich erscheint, ist es doch ein erstaunliches Phänomen, daß unter den Kriterien heutiger Kunstbetrachtung die Originalität meist an erster Stelle rangiert. Und wenn auch fast jedes Urteil heute umstritten ist, so herrscht doch im Lager der Beurteiler eine schöne Einmütigkeit über die Verwerflichkeit dessen, was sie als Plagiat bezeichnen. Entscheidend für die Qualität eines Werkes sollte aber auch in historizistischen Zeitläuften immer nur sein, wie ein Autor – zumal er mit einer ungeheuren Fülle überlieferten Bildungsgutes fertig zu werden hat –, seine Quellenkenntnis verarbeitet: wie tief er das Aufgenommene in sich hinab versenkt, wie intensiv er das von außen Angebotene „erwirbt, um es zu besitzen“, so daß er es am Ende des Prozesses als durchaus Eigenes, wenn auch nur Angeeignetes, wieder hervorbringen kann.

Die ganze Literaturgeschichte könnte verstanden werden als ein ununterbrochenes Plagiat der Schöpfungsgeschichte, voll von nachweisbar „unoriginalen“ Werken. Die Motive der Faust-Sage kehren in allen Faust-Dichtungen wieder; „Romeo und Julia“ ist nur eins von mehreren Shakespeare-Dramen mit nachweisbarem Stammbaum; was wäre Hölderlin ohne Pindar (und auch ohne Schiller!), und was wäre Rilke geblieben ohne Hölderlin und ohne dessen Übertragungen aus dem Griechischen? Eliot schließlich ist geradezu „bookish“ (ein ganz und gar unübersetzbares Wort, leider); und gerade er bekennt sich mehr zur Kontinuität als zur Originalität. Was diese Dichter aus ihren Vorlagen gemacht haben – durch die Intensität der Verinnerlichung, des Nach-, und Neu-Empfindens –: das bestimmt die jeweilige absolute Qualität auch ihrer „unoriginalen“ Werke.

Aber was ist denn diese „Originalität“, die nun schon durch Jahrhunderte geistert und auch heute noch nicht der besseren Einsicht weichen will, daß wir nur Erworbenes besitzen und also nur Erworbenes weitergeben können? Die kritischen Referate strotzen von Tadel wie „Kafka-Nachfolge“, „Schönberg-Imitation“, „Picasso-Manier“. Ein kunsthistorisches Merkmal wird zum Maßstab des künstlerischen Wertes erhoben. In Verwechslung der Sphären denkt der Kritiker in den Kategorien des Archivars. Der Künstler selber wird maßlos überfordert, immer wieder Neues, Neuestes, Allerneuestes von sich zu geben; unter Androhung der Disqualifikation wird er hineingehetzt in die mörderische Rennbahn der vorgeblichen Originalität. Er muß ein „Genie“ werden um jeden Preis, vor allem um den Preis der Rechtschaffenheit. Das Ende ist der Rückblick auf ein vertanes Leben, dessen Anstrengung ausschließlich der Mode gewidmet war. Die einzig wahre Aufgabe des Künstlers, das Seiende in der Sphäre seiner Kunst zu konstituieren („Was bleibet aber, stiften die Dichter“, sagte Hölderlin), wurde im Höllentempo jenes Leerlaufes versäumt. Die Kontinuität reißt ab, die Kultur ist geschändet und verwüstet: Unkraut wuchert auf dem brachliegenden Acker. Denn Kultur ist im Grunde nichts anderes als Kontinuität des Geistes.

Vor einigen hundert Jahren, vor dem Individualismus und vor dem Historismus, lebte der Geist noch die Kontinuität; das Barock war der letzte grandiose Versuch einer totalen Kultur. Die Musik vor und um Bach bediente sich weitgehend einer einheitlichen Sprache, in der der einzelne Künstler das auszusagen versuchte, was er zu sagen hatte. Die Romane der französischen Klassik sind von einem einzigen Prinzip diktiert und daher in einem einheitlichen Stil geschrieben, was immer der einzelne Romancier auch vorzutragen hatte. Mandl großer Maler ließ seine Entwürfe von seinen Schülern und seinen Gesellen ausführen und signierte sie dann, und zahllose Bilder in den Museen nennen keinen Namen, sondern verraten nur – durch Stil und Technik ihrer Ausführung – die Schule; und dennoch sind es Meisterwerke von außerordentlicher Menschlichkeit und echter Empfindung. Es zählte und interessierte das Werk, nicht die Person dessen, der es hervorgebracht hatte. Der – kein Schöpfer, sondern, wie Lionardo sich selber genannt hat, ein nie aufhörender Diener – trat hinter das Werk zurück, welches er als Beitrag zur Kontinuität des Geistes geleistet hatte. Es ging ihm nicht um den Dienst an seiner Person, sondern um den Dienst an der Kultur.

Heute (freilich nicht erst heute) interessieren wir uns mehr für den Autor als für sein Werk, und wir untersuchen pedantisch die soziologischen, psychologischen und historischen Voraussetzungen eines Werks, aber kaum dieses selbst. Daher die schauerliche Urteilslosigkeit (und das fixe Urteilen!), vereint mit Snobismus und Schmockerei, in den Kreisen derer, die dumm genug sind, sich für gebildet zu halten, und jedem Bauchredner gerne hereinfallen. Dieser „Gebildete“ geht nicht in eine Galerie, um schöne, große Werke zu betrachten (oder zumindest zu suchen), sondern um zu sehen, was es „Neues gibt“, um sofort, jedenfalls früher als die andern (eine Perversion des Rechts am geistigen Eigentum!), darüber schwätzen zu können. „Nanu, Sie kennen X noch nicht?!“ Das ist ein gesellschaftliches und oft auch berufliches Todesurteil. Die geradezu hektische Entwicklung der neueren bildenden Kunst ist ohne die Galerien nicht denkbar, die der Literatur nicht ohne die Rotationspresse, die der Musik nicht ohne Rundfunk und jene Börsenversammlungen, die sich „Musikfeste“ nennen.