Es war noch in der Schulzeit, als eines Tages über den Straßen der Stadt Transparente schwankten mit der Aufschrift: Ein herzliches Willkommen den Kinderreichen! In der Turnhalle waren Strohlager aufgeschüttet, und wir bekamen zu hören, daß „die vom Bund der Kinderreichen“ darauf schlafen würden. Es noch noch lange nach Stroh in unserer Turnhalle; und in der Erinnerung blieb der Geruch an dem Wort „kinderreich“ haften.

Die Assoziation paßte gut zu dem Naserümpfen, das man in gut bürgerlichen Kreisen für die Leute bereit hatte. Es waren die „mit dem Stall voll Kinder“. Etwas Bedrängendes, Befremdendes ging von ihnen aus, wenn sie mit ihren Abzeichen und Fähnchen zur Kundgebung zogen. Etwas vom ursprünglichen Doppelsinn des Wortes proles, das im alten Rom mit der Bedeutung „Nachkommen“ vor allem ungesicherte, keinem Geschlechterverband zugehörige Familien meinte, lebte in der Verachtung der Kinderreichen weiter. Sie waren Proleten schlechthin. Die Beamtenfamilie, die auf sich hielt, hatte zwei Kinder, mehr nicht. Die konnte man zur höheren Schule schicken und mit viel Anstrengung vielleicht sogar studieren lassen. Der Moralkodex jener Familien in den Weimarer Jahren ergab sich aus dem zähen Hang, ihren sozialen Stand um jeden Preis festzuhalten. Als ahnten sie, wie schwankend, wie dünn und wie gefährdet diese letzte Planke oberhalb des Zustandes war, den sie wie die Hölle fürchteten, und der uns längst vertraut ist, die Proletarisierung.

Als später, im „Dritten Reich“, die Mütter mit Orden geschmückt wurden, fühlten vielleicht einige von ihnen, vielgeplagte alte Weiblein, für ein paar Augenblicke Genugtuung. Aber gerade an dieser Stiftung zeigte sich auch, daß bürgerliche Tradition so schnell von politischer Propaganda nicht abgeräumt werden kann. Wenn auch das Kinderkriegen nicht mehr arm machte, die Abneigung dagegen –, halb in Prüderie gewandelt – blieb.

Wenn sich neuerdings in den westeuropäischen Ländern, ziemlich spontan, Familienverbände gründen und diese Verbände ihre Delegierten zu internationalen Tagungen schicken, so steht mehr auf dem Spiel als die Verteidigung eines gesellschaftlichen Prestiges. Auch mit den etwas peinlichen Demonstrationen der Fruchtbarkeit jener früheren Treffen hatte zum Beispiel die dritte Studientagung der „Union International des Organismes Familiaux“ (UIOF) in Frankfurt nicht mehr viel zu tun. Es geht wohl heute tatsächlich darum, die Familie als gesellschaftlichen Organismus zu retten. Nicht etwa nur dort, wo Eltern und Kinder, wo Vater und Mutter auseinander gerissen sind, wo der Vater fehlt, ist sie gefährdet. Eingepfercht in die modernen Wohngefängnisse, wird sie auch dort, wo alle beieinander sind und gerade da. zur täglichen Kunstübung. Wo beide Eltern verdienen müssen, kommt die Behaglichkeit, das „Binnenleben“, das doch allen vorschwebt, wenn sie „Familie“ meinen, zu kurz. Und wo der Verdienst nicht hin und her langt, wenigstens einige der von Reklame täglich aufgeputschten Wünsche annähernd zu erfüllen, kann die Familie zum Brutkasten für Neurosen werden. Daß die Familie aber nicht nur die älteste, selbstverständlichste, sondern auch zweckmäßigste Gemeinschaft ist, haben selbst die Bolschewisten nur zeitweise geleugnet. Wie also könnte sie gegen die Tendenzen zur Selbstauflösung, die die Antwort auf allzu viel Druck und Spannungen sind, geschützt werden?

In den Eröffnungsreden wurde viel Feierliches über ihren Wert, ihre Würde ihre Heiligung gesagt. Aber das war Rahmenwerk. In den Arbeitskreisen beriet man über materielle Hilfe. Ganz selbstverständlich nahm sich da ein Wort, – das nur eine etwas umständliche Umschreibung des berühmten Brechtschen „Dreigroschenoper“-Zitats: „Zuerst kommt das Fressen ...“ war, im Munde eines Theologen aus. „Wir wissen doch nun einmal, daß die meisten Menschen erst in einigermaßen gesicherten Lebensverhältnissen zu sittlichem Handeln fähig sind.“

Ob den Familien mit direkten Zulagen, mit Steuererleichterungen, mit Naturalbeihilfen am besten gedient sei, darüber wurde lange debattiert, und man einigte sich natürlich darauf, daß direkte Zulagen das Beste wären. Doch müsse eine gerechtere Verteilung der Steuern damit verbunden sein. Von Naturalbeihilfen, verbilligten Preisen auf der Eisenbahn, der Straßenbahn, für Museums- und Zoobesuch und Eintritt in die Badeanstalten wollten standesbewußte deutsche Familienpolitiker zunächst nichts wissen. Solche Sondermaßnahmen beeinträchtigen die Würde der Familie, behaupteten sie. Die Franzosen dachten weniger prinzipiell. Einer meinte, man solle nur ruhig alle Chancen wahrnehmen, heute auf diesem, morgen auf jenem Weg ein Stück vorwärts gehen. Ein Glück, daß sie dabei waren, die biederen Schweizer, die taktisch geschickten Franzosen, die praktischen Belgier Eine rein deutsche Versammlung wäre ein Schlachtfeld der Ideologien geworden. Nahe genug daran war es, als ein Finanzexperte erklärte, man müsse die extrem privatkapitalistische Ökonomie auf dem eigenen Felde schlagen und ihrer These „Kinder sind Privatvergnügen“ eine nüchterne Rechnung entgegenhalten: Kinder sind investierte Leistung der Familien, sind Konsumenten, Produzenten und Steuerzahler der Zukunft, kurzum, Faktoren der Volkswirtschaft. Und die Ledigen, die Kinderlosen sollten billigerweise einen Ausgleich zahlen für diese Vorschußleistung. Derselbe Redner sprach auch davon, daß das Wort „Aufzucht“ den guten alten Beiklang von „Zucht“, von Disziplin hätte. Er schlug eine Steuerreform vor, in der nicht mehr die Einzelperson, sondern die Familie mit zwei Kindern die „Bemessungseinheit“ sein solle. Auch in solchem Ingenieurdeutsch verriet sich die moralische Bewertung im Sinne der „Vollfamilie“ von ehedem.

Wie wichtig auch die Proklamationen und die grundsätzlichen Reformvorschläge als Propagandamittel sein mögen – überzeugend wirkten die praktischen Beispiele, die Improvisationen, die beharrlichen Versuche im Raum des Möglichen. Ein Schweizer berichtete: Im Kanton Genf hat man für Ledige, für Ehepaare und für Familien jeweils ein Existenzminimum errechnet, das unbesteuert bleibt. Hat ein Familienvater mit höherem Einkommen große Auslagen durch Krankheitsfälle, so wird noch dazu ein entsprechender Steuerbetrag gestrichen. Der Einwand, das Experiment eines Kantons mit ausgeglichener sozialer Struktur könne man nicht auf ganze Länder, und gewiß nicht auf Industrieländer, übertragen, liegt nahe. Eine Arbeit nach dem Genfer Modell könnte jedoch Vorbereitung jener „aufbauenden Sozialpolitik“ sein, die der Präsident des Schweizer Verbandes „Pro Familia“ forderte. Sie müsse sich auf die Familie als Ganzes beziehen, sie kräftig und möglichst selbständig erhalten, statt, wie es bisher in fast allen europäischen Ländern, fürsorgerisches Stück- und Flickwerk am Einzelnen zu leisten. Aber sein Plan ist wohl ebenso revolutionär wie restaurativ. Er setzt eine neue Bewertung des Menschen, einen neuen Humanismus voraus. H. R.