Lieber Freund, ich wähle für meinen Brief an Sie diese Anrede, weil unsere Beziehungen sich stets in französischer Sprache bewegt haben und weil das Wort „Freund“ im Französischen nicht viel mehr als eine Höflichkeit bedeutet. Trotzdem sollen Sie nicht glauben, daß ich unsere Verbindung, die sich vor fünfundzwanzig Jahren in Paris geknüpft hat, gering einschätze oder gar verleugne. Ich habe Ihnen sogar ein kleines Denkmal gesetzt, mit den bescheidenen Steinen, die mir zur Verfügung stehen, das heißt mit Worten, aber mit den besten und aufrichtigsten, die ich finden konnte. Dies „Bildnis eines verlorenen Freundes“ findet sich in meinem Buche „Was nie verstummt“. Ich kann das ruhig erwähnen, da Sie ja kein Wort Deutsch verstehen und es, wie Sie mir oft mit humoristischer Bequemlichkeit eingeräumt haben, auch nie lernen werden.

Wir haben uns gut gekannt und die schönste Sympathie füreinander empfunden. Der Ausbruch des Krieges, der uns keineswegs als Überraschung kam, hat uns getrennt, erst äußerlich, dann innerlich. Ich habe mich, während die Deutschen Paris besetzt hielten, schön gehütet, Sie aufzusuchen. Ich paßte nicht zu den Siegern und war befangen. Auch dachte ich an Ihre Zukunft und stellte mir vor, daß es Ihnen eines Tages nützlich sein könne, mit mir keinen Umgang mehr gehabt zu haben. Es war Ihnen in der Tat nützlich, und Sie haben, zu meiner größten Überraschung, kräftig von diesem Vorteil Gebrauch gemacht. N’en parlons plus! Jahre sind vergangen, durchweg schwierige und zweideutige Jahre, denn sie haben über die Zerstörung, besonders über ihren moralischen Teil, nur eine schwache und recht löchrige Hülle gebreitet. Aber manches scheint in normale Bahnen gelenkt zu sein. Man reist wieder und trifft sich in internationalen Gremien. Auch ich bin seitdem wieder in Paris gewesen. Aber ich habe Sie nicht aufgesucht, genau wie ich es Anno 1941 vermieden habe. Nur, daß die Gründe diesmal vollständig anderer Natur sind. Wie dem auch sei, mein Aufenthalt in Paris ist Ihnen zu Ohren gekommen, und Sie haben sich bei unserer gemeinsamen Freundin Josette bitter darüber beschwert, daß ich Ihnen aus dem Weg gegangen bin. Josette hat ein gutes Herz, wie Sie wissen, und schildert daher beredt Ihre Enttäuschung. Aber sie hat auch einen guten Verstand und fährt fort: „Aber Sie werden ja wohl Ihre Gründe haben, die“ – so fügt sie hinzu – „vielleicht nur in einem allzu guten Gedächtnis bestehen.“

Ja, lieber Freund, so ungefähr ist es. Wir wollen bei dem Persönlichen, das in unserer Entfremdung steckt, nicht verweilen. Lassen Sie uns nur von den allgemeinen Zusammenhängen sprechen, in die unsere Freundschaft nun einmal hineingeraten ist, wie in das Netz einer Spinne. Chateaubriand sagte, von einer bestimmten Periode seines Lebens sprechend: „Ich und Napoleon.“ So sage ich, ohne das Ungemäße dieser Worte zu verkennen: „Ich und Frankreich.“ Sie wissen, daß ich viele Bücher über französische Gegenstände geschrieben habe, von denen eines das deutsche Verhältnis zu Ihrem Lande entscheidend bestimmt hat. Eine politische Wirkung haben diese schriftlichen Bemühungen nicht getan. Das lag nicht in ihrem Wesen, aber sie haben Achtung vor Frankreich verbreitet und sein Prestige in der Welt erhöht. Auf eine fast fatale Weise wurde mir der Stempel des Frankreichkenners aufgedrückt, derart, daß sich mir noch heute alle Blicke zuwenden, wenn das Stichwort Frankreich fällt –, und ich kann Sie versichern, daß es nicht immer entzückte Blicke sind. Wenn eine französische Stelle eine Niederträchtigkeit begeht, so sagen mir meine Landsleute heute noch: „Deine Franzosen haben sich wieder einmal reizend aufgeführt!“ Aber sie sagen es gottlob auch, wenn es gilt, eine französische Leistung zu rühmen. Genug davon, ob ich wollte oder nicht, von einem bestimmten Augenblick an galt ich nicht nur als Kenner, sondern auch als Verehrer Frankreichs, und bei diesem Ruf ist es geblieben.

Es ist schon deshalb dabei geblieben, weil auch die verzweifeltsten Umstände mich nicht vermocht haben, die mir zugeschriebenen Sympathien abzustreiten oder gar zu verleugnen. Soweit ein einzelner Mensch sich überhaupt mit einem Lande messen kann, darf ich sagen: ich habe Frankreich nur Freundschaft erwiesen. Aber was bedeutet eine solche Regung guten Gewissens gegenüber den Fluten schlechten Gewissens, die nun schon seit Jahren über Frankreich dahingehen und bereits ein gutes Teil des geistigen Humus davongetragen haben. Das Schauspiel der Denunziation, Verleumdung, Nachbeterei, der Feigheit und des Verrats, aus dem Ihre Geschichte in dem Augenblick bestand, als die Welt sich zu erneuern versprach, die elende Selbstzerfleischung Ihres Landes hat auch mich betroffen und mir auf eine jammervoll posthume Art gezeigt, daß ich offenbar ein Stück dieses Frankreich gewesen bin, das sich da selbst ins Gesicht spie. Der blutigen Farce Ihrer „Säuberung“ – als ob man sich selbst befreien könnte, indem man sich, erniedrigt! – folgte die Besetzung deutschen Gebiets durch französische Truppen. Ich gehöre einem Volke an, das mit seiner gründlichen Kenntnis von der Technik der Gewalt viel gesündigt hat. Jeder Fachmann für Unterdrückung wird Ihnen sagen, daß Ihre Okkupationspolitik ein Irrtum war – und jeder Kenner des menschlichen Herzens wird es Ihnen bestätigen. Eine Besatzungsmacht muß reich und mächtig sein. Frankreich war arm und schwach. Der Okkupant wurde weder gefürchtet noch gehaßt, nicht einmal das! Er wurde belächelt. Trotzdem hat die geistige Bereitschaft gegenüber Frankreich bei uns keinen ernsten Schaden genommen. Wenn Sie einen Rückgang der geistigen Verbindung feststellen müssen, so deshalb, weil Frankreich in seinen Leistungen und Inspirationen nachgelassen hat. Aber was es noch bieten kann, es stößt bei uns auf guten Willen.

An diesem Zustand bin ich nicht unbeteiligt. Ihre Politiker machen lauter Dummheiten, Ihr ganzes öffentliches Leben ist uns verdächtig geworden, Sie kompromittieren heillos alle europäischen Möglichkeiten, Sie zanken und jammern, Sie stellen maßlose Ansprüche und verweigern die bescheidenste Leistung –, und trotzdem ist Ihr Ansehen noch nicht ganz zerstört. In den Boden des abendländischen Kulturgewissens ist die Saat der Achtung vor Frankreich für immer eingelassen, und auch ich habe ein Körnlein gesät, auch ich! Dafür hat Frankreich mich verfolgt, verleumdet, eingesperrt, schikaniert, hat sich jede Art von Übergriff und Unverschämtheit gegen mich erlaubt, hat mich mit Hilfe einer Horde anrüchiger Figuren jahrelang an jeder Tätigkeit gehindert, hat mir jede Schandtat öffentlich zugeschrieben (und mich unter vier Augen seiner heimlichen Sympathie versichert) und jedesmal hinzugefügt, daß ich froh sein könne, nicht noch Schlimmeres zu erleben. Ach, lieber Freund, es war schon ein rechter Graus, und nie ist es mir gelungen, eine greifbare Erklärung für diese Ausschreitungen zu erhalten. Auch Sie haben auf Ihre diskrete Art an diesem Kesseltreiben teilgenommen, ihm wenigstens nie widersprochen und mich wissen lassen: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ Auch haben Sie von Gras gesprochen, dessen überwucherndem Wachstum man vertrauen solle –, als ob ich irgend etwas mit Frankreich gehabt hätte, über das Gras wachsen müsse! Ich wollte kein Gras, ich wollte Gründe. Damals war ich leidenschaftlich daran interessiert, zu erfahren, was man mir vorwerfe, was die Antriebe für solche Willkürakte sein könnten. Und heute? Heute, wo das alles ohne Interesse ist, sehe ich in dieser weit über meine Person hinausgehenden Angelegenheit völlig klar.

Ich bin ein Zeuge französischen Versagens und Irrens gewesen, freilich ein diskreter, ein wohlgesinnter Zeuge, aber ich habe zuviel gesehen. Ich habe ja nicht nur eure humanistischen Triumphe, sondern auch eure Skandale und Korruption gesehen. Ich habe euer Liebäugeln mit den hochkommenden totalitären Mächten gesehen, die modische Begeisterung für Hitler und seine „Ordnung“, den Hohn über die III. Republik, die doch ein sehr bequemes Staatswesen war, die Verachtung der eigenen Obrigkeit, die Lust, den Staat zu betrügen, die Gewissenlosigkeit eurer Rüstungsinstanzen, den Egoismus von untere und von oben, die Selbstgefälligkeit gegenüber den aufsteigenden Gefahren, kurz, ich habe alles das gesehen, was schließlich zu der schmachvollen Niederlage von 1940 geführt hat. Die genußvolle Selbstzerstörung, die hohnlächelnde Verweigerung jeglichen Opfers, die blitzgescheite Beweisführung für die Unvermeidlichkeit des eigenen Untergangs –, das alles habe ich gesehen. Euren schnellen und ganz aus eurem Innern kommenden Zusammenbruch von 1940 habe ich gesehen und die beschämende Erleichterung. Ich sah, wie ganz Frankreich nach Waffenstillstand lechzte und ihn erhielt. Ich sah die hurtige Absage an die Vergangenheit, die sich mit dem Entschluß verbündete, sich auch von der Zukunft und dem „Etat francais“ Pétains nicht übers schlaue Ohr hauen zu lassen. Ich sah euer Schwanken und Zögern –, doch genug davon. Ich war ein Zeuge, und Gott weiß, daß ich kein hämischer oder auch nur befriedigter Zeuge war. Das fortdauernde Versagen Frankreichs hat mich jahrelang getroffen, als wär’s ein Stück von mir, was denn ja wohl auch der Fall war.

Und dann kamt ihr im Gefolge der Sieger, und euch war nicht wohl in eurer Haut, daß ihr selbst den Sieger spielen solltet. Ihr hattet unter den Deutschen gelitten, aber das war es nicht. Denn das klare Bewußtsein, der Gesteinigte gewesen zu sein, schafft ein gutes moralisches Gefühl. Hingegen ging es über eure Kraft, eine Politik des Siegers leisten zu müssen, nachdem ihr einmal so schnell und gründlich besiegt worden ward. Das ist die geheime Wunde Frankreichs, heute noch, das ist das Trauma, das Verwirrung, Unredlichkeit und Unlogik in das Denken und Handeln dieses gescheiten Volkes gebracht hat. Man hat ihm nicht erlaubt, den Sinn seiner Niederlage zu erfassen und zu begreifen, daß jede Niederlage einen positiven Inhalt hat, daß man wissen muß, warum man besiegt wurde, und daß nur dies Wissen zur Überwindung der Einbuße führen kann. So war es nach 1871, als für das Land ein neuer und strahlender Aufstieg begann. Aber heute herrscht eben das Trauma und verfälscht jedes Wort und jede Geste dieses sonst so klaren Volkes.