Nun gut, aber was hat das alles mit mir zu tun? Zum mindesten kann es erklären, warum mir ein Narr in einer Pariser Zeitung im Jahre 1946 zurief: "Sie haben das französische Gewissen in Unordnung gebracht!" Ich, warum gerade ich? Diese Frage beantworten hieße wirklich in die letzten Tiefen eines verworrenen Gewissens hinabsteigen. Das, was den Franzosen geschehen war, hatte ich niemals auch nur mit dem geringsten Wort gedeckt, wohl aber durch meine bloße Existenz! Ein so genauer Freund Frankreichs gehört plötzlich, zu einem Volke, dessen Soldaten durch Paris schlenderten? Ja, das war es, die Verbindung war eben zu eng gewesen. Wir hatten uns zu gut gekannt. Man wütete gegen mich, weil es bequemer war als das Wüten gegen das eigene Gewissen. Um sich das unumgänglich gewordene "examen de conscience" zu ersparen, warf sich die französische Intelligenz auf einen deutschen Schriftsteller und rief, nein brüllte: "Er hat uns zu gut und zu liebevoll beschrieben, also muß er ein Verräter sein!" Es war nützlich, dergleichen entlarvenden Unsinn zu brüllen, denn es schuf gleichsam ein Alibi. Und da ich sie alle gekannt hatte, brauchten sie alle ein Alibi.

Sie sehen, lieber Freund, daß ich für die Umstände, die Sie einst hinderten, für mich einzutreten, Verständnis habe. Aber Sie müssen auch verstehen, daß ich darauf verzichtet habe, Sie in Paris aufzusuchen, und es vorgezogen habe, einmal als Tourist durch die schöne Stadt zu gehen und eine deutsche Freundin beim Einkauf von Hüten diskret zu beraten. Unser Leben ist kürzer geworden. Der Baum verliert sein Laub. Von den Vorwürfen und Anklagen, die die Völker gegeneinander erheben, geht eine Langeweile und Sterilität aus, für die mir meine Lebenstage zu schade geworden sind. Langeweile habe ich nie gekannt; wollt ihr sie mich jetzt noch lehren, wo es sich nicht mehr lohnt? Frankreich hat so viel von seinen geistigen und menschlichen Werten leichten Herzens auf dem Altar der Furcht geopfert, daß es ihm nicht mehr darauf ankommen konnte, auch meine bescheidenen Beiträge zur Kenntnis seiner Werte noch dreinzugeben. Philine ist es, glaube ich, die zu Wilhelm Meister sagt: "Wenn ich dich liebe, was geht es dich an!" Gerne will ich dies schöne und unabhängige Wort mir zu eigen machen, schon um Ihnen ein kleines Vergnügen zu bereiten, denn ich weiß ja, daß Frankreich nichts mehr liebt, als Liebeserklärungen zurückzuweisen, die man ihm gar nicht gemacht hat. Ernsteres steht für mich auf dem Spiel, nämlich die große Erfahrung meines Lebens, die ich, als ich jung war, in Frankreich machte und nur dort machen konnte. Es ist die Erfahrung vom Wert und von der Würde des Menschen. Der Sohn eines Volkes, das sich fast auf alles versteht, aber leider am wenigsten auf die Souveränität der Person, lernte in Frankreich, worauf es ankommt. Das ist mir geblieben, denn es war ja mehr als ein "Bildungsergebnis". Wir haben inzwischen unter Blut, Schweiß und Tränen lernen müssen, daß die freie Welt nicht überleben kann, wenn sie sich nicht einige Abstriche an ihrem Freiheitsbegriff gefallen läßt. Daß Ihrem Lande diese Abstriche besonders schwerfallen, ich kann es ihm nicht verdenken. Auch das ist ein Grund, warum ich einem Gespräch mit Ihnen ausweiche. Sie würden sonst vielleicht eine Sympathiekundgebung für die Haltung Ihres Landes zu hören glauben, wo ich doch nur für die Menschheit zittere.