Von Oskar Jancke

Von der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ in Darmstadt hat man seit ihrer letzten, mehr turbulenten als ergiebigen Tagung (vgl. „DIE ZEIT“ 1952, Nr. 44) nichts mehr gehört. Der Initiator und erste Geschäftsführer der Akademie, Oskar Jancke, wurde damals von seinem Amt abgelöst und zum Vizepräsidenten gewählt. Es sieht fast aus, als sei er auch heute lang dieses mit so viel Erwartungen begrüßten Instituts Gedanken macht. Aber vielleicht täuschen wir uns, und es kommen auf seine Vorschläge, die wir im folgenden bekanntgeben, Äußerungen von anderen, die am Bestreben der Akademie interessiert sind.

Durch eine echte „querelle allemande“ wurde im Herbst vorigen Jahres ein verheißungsvolles Werk, die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“, um einen guten Teil ihres öffentlichen Kredits gebracht. Interne Differenzen waren an die große Glocke gehängt und dadurch noch verschärft worden, so daß der vor der Öffentlichkeit geschlossene Friede für die Beteiligten selbst nur ein Scheinfrieden war. Heute aber steht man vor der Frage, ob die Akademie überhaupt noch lebensfähig ist, und es geht darum, ob sie aus der Sackgasse, in die sie geraten ist, noch einmal herauskommen kann. Will man etwas bessern, muß man die Situation so sehen, wie sie ist.

Seit der Konstituierung der Akademie sind erst drei Jahre verstrichen. Vorher geschah ihre festliche Verkündung am Goethe-Tag des Jahres 1949 in der Paulskirche zu Frankfurt am Main. Der Text, den Dr. Grimme verlas, wiederholte, in strafferer Form, was ich kaum anderthalb Jahre vorher in einer Ansprache an den deutschen Schriftstellerkongreß in Frankfurt gesagt hatte und hier wiederholen möchte: „Worauf es aber ankäme, das wäre, die Drittelung der deutschen Sprache zu beseitigen, das heißt, die Sprache als unsere geistige Lebensluft zu einem einzigen reinen und klaren Element unseres Daseins zu bilden, in dem von oben und unten her der mittlere Bereich wieder durchblutet und durchgeistigt würde, so daß einer sprachlichgeistigen Konvention, einer Teilhabe aller an einer von allen gewußten Gemeinsamkeit nichts mehr im Wege stünde, und aus dem einmal erreichten consensus omnium die so lange vermißte Tradition erwüchse, durch die der Notstand der Geistigen aufgehoben würde, sich aus einem Gemisch von Pedanterie und Zuchtlosigkeit, von parvenühafter Geschraubtheit und wesenloser Begrifflichkeit eine individuelle und sozusagen sprachgemäße Sprache erst schaffen zu müssen. Wir würden anstatt der unübertragbaren Individualsprachen, die sich dem Gemeinsamen entzogen haben, um überhaupt dasein zu können, zum Gemeinsamen hinstrebende und in ihm sich erfüllende tradierungsfähige Differenzierungen der Gemeinsprache haben, eine Literatur, die nicht isoliert wäre, in der auch das geringere Talent seine Aufgabe an der Fortbildung des Bestehenden und der Weitergabe des Überlieferten hätte und der Schriftsteller als poeta und scriptor mit der Entfaltung seiner Sprache, seines Stiles zugleich den Stil seiner Epoche formte.“ Diese Sätze vor allem enthielten den Grundgedanken der Akademie und eine Begründung dafür, daß sie sowohl um der Sprache wie um der Dichtung willen dasein müsse, Dichtung, verstanden als das Höchsterreichbare des sprachlichen Ausdrucks.

Schon nach der ursprünglichen Konzeption der Akademie war es vorgesehen, daß sie an vier Orten residieren solle. Als dann am 14. März 1949 die Gründung der Akademie durch den Verband Deutscher Autoren unter Zustimmung der deutschen Schriftstellerverbände in Hamburg bekanntgegeben worden war, bestimmte man Frankfurt und Berlin als Orte ihrer Niederlassung, Frankfurt als Sitz der Sektion „Sprache“ und Berlin als Sitz der Sektion „Dichtung“. Daß man sich dann später mit einem einzigen Sitz (Darmstadt) begnügte und die Einteilung in zwei Arbeitsbereiche fallen ließ, hat sich – das soll man zugeben – als ein Kardinalfehler erwiesen. Freilich erschien es verlockend, in einem repräsentativen Haus, auf der Mathildenhöhe, zu wohnen, in dem man seine Versammlungen abhalten und die Redaktion seiner Literaturzeitung aufnehmen konnte. Man erwog auch die Möglichkeit einer reichen Finanzierung aus öffentlichen Mitteln, wenn man an einem einzigen Ort heimisch wurde, und dachte zu wenig an die ebensogut möglichen Abhängigkeiten von lokalen Instanzen, die ein Interesse daran haben konnten, eine deutsche Akademie zu einer lokalen Institution zu machen. Man übersah die Struktur der Bundesrepublik, nach der den Bundesländern die Kulturverwaltung überlassen blieb, so daß gemeindeutsche Institutionen sich leicht in die irgendeines Landes verwandeln konnten. Läßt sich jedoch eine Institution von der Art der Akademie in mehreren Bundesländern nieder, dann vermeidet sie solche Schwierigkeiten und kann in materieller Hinsicht mehr erwarten. Daher war es richtig, daß man im Herbst vorigen Jahres auf den alten Gedanken der Sektionenteilung zurückkam und beschloß, die Akademie in die zwei Sektionen, Sprache und Dichtung, aufzuteilen.

Es war dabei zunächst mehr an eine Arbeitsteilung gedacht denn an eine örtliche Trennung der Sektionen voneinander. Inzwischen aber hat der Plan einer örtlichen Trennung der beiden Sektionen unter den Mitgliedern der Akademie so viele Anhänger gefunden, daß seine Ausführung nur noch eine Frage der Zeit ist. Die Gegner des Planes zeigen sich zwar besorgt, weil sie eine Spaltung oder gar einen regelrechten Exodus befürchten, aber sie werden nachgeben müssen, gerade um die Spaltung oder den Exodus zu verhindern, und weil nur auf diese Weise die Akademie aus ihren Schwierigkeiten herauskommen kann. Es wäre das Ende der Akademie, wenn sie sich gegen diese Einsicht sperrte, das Ende wenigstens der bisherigen Akademie. Die im vorigen Jahr eingerichtete Sprachberatung befindet sich ohnehin nicht mehr am jetzigen Sitz der Akademie, und auf repräsentative Residenzen kann sie sehr wohl verzichten.

Indessen darf die Teilung in zwei Sektionen auch nur ein Übergangsstadium sein. Die Akademie wird sich, der Struktur der Bundesrepublik folgend, in allen Bundesländern eine Niederlassung schaffen müssen. Da sie kein Erwerbsunternehmen, sondern als gemeinnützig anerkannt ist, bleibt sie auf die Zuwendung öffentlicher Mittel und privater Spenden angewiesen. Es liegt auf der Hand, daß es nur zu ihrem Vorteil ist, wenn sie sich dezentralisiert und vervielfältigt. Abgesehen davon, daß sie anders eine ausreichende Etatisierung niemals wird erreichen können, ist dies auch der Weg, ihre Wirksamkeit zu erhöhen. Das Verhältnis einer Elite zum Volk ist oft ein Mißverhältnis, aber bei einer Akademie, deren zentrale Aufgabe Bildung zur Sprache als Bildung zum Geiste ist, darf es an Kontakten nicht fehlen und wird es nicht fehlen, je mehr ihre Beziehungen ins Breite wachsen und ihre Leistung im großen und im kleinen an Autorität im Volksbewußtsein gewinnt.