Wir hörten:

Zu den Osterprogrammen unserer Sender haben die deutschen Hörspielautoren wenig beizutragen gehabt (bis auf Marie-Louise Kaschnitz, deren vom Rias gesendetes „Spiel vom Kreuz“ wir aus technischen Gründen erst in der kommenden Ausgabe würdigen können). Sollten sie bei aller christlichen Problematik, die sie pflegen, mit der biblischen Welt nicht so vertraut sein, daß ihre dichterische Einbildungskraft die Gestalten weiterspinnt und die Probleme in ihrem Urzustand sichtbar werden läßt? Per Lagerquist, dem Schweden, ist es gelungen. Sein Drama „Barabbas“, das der Südwestfunk und Radio Bremen gleichzeitig in Gert Westphals Funkbearbeitung und Inszenierung sandten, bewies es. Barabbas, der Jesu Tod sein Leben verdankt, glaubt im falschen Augenblick an den Gekreuzigten, dann nämlich, als er den von Nero angelegten Brand Roms für den Anbruch des Jüngsten Tages hält, selber eine Fackel schleudert und dadurch die erste Christenverfolgungheraufbeschwört. Er ist die früheste Figur des Namenschristen, der nur den sichtbaren Zeichen traut. Sehr schön führte Gert Westphals Regie, auf Edzard Schepers eindringlich-schlichte Nachdichtung gestützt, die Kontraste durch: dem dumpfen, getriebenen Barabbas (Arthur Mentz) standen der demütig glaubende, sanfte Sklave Sahak (Kurt Ebbinghaus) und die unerschütterlich in der Gnade ruhende Petrus-Gestalt des „Hünenhaften“ (Walter Kottenkamp) gegenüber.

Der andere bedeutende Hörspielautor dieser Osterwoche, der wallisische Katholik Evelyn Waugh, sah das Geschehen von Golgatha unter dem Gesichtswinkel des Augenblicks, in dem das Christentum durch Konstantin zur Staatsreligion erhoben worden ist und den Lockungen der Macht verfällt. Er schrieb eine satirische Szenenfolge um die Auffindung des Kreuzes durch die Kaiserin-Mutter Helena, eine Walliserin, die mit gesundem Mutterwitz und ohne allen zornigen Eifer nach dem Worte „Suchet, so werdet ihr finden“ handelt und sich im Traum vom Ewigen Juden über die genauen Vorgänge am Karfreitag instruieren läßt, bevor sie das Kreuz ausgräbt.. Unabhängig voneinander haben der Hessische Rundfunk und Radio Bremen dieses fast kabarettistische, im Grunde aber ernste Legendenspiel produziert.

Von dem Londoner Gastspiel des NWDR-Sinfonie-Orchesters unter seinem Leiter Hans Schmidt-Isserstedt übertrugen das dritte Programm der BBC und UKW Nord den Höhepunkt: die Aufführung von Beethovens Neunter in der ausverkauften Royal Festival Hall, die 3500 Personen faßt. Es war ein außergewöhnliches Ereignis – schon darum, weil der Londoner Philharmonische Chor und die beiden englischen Sänger im Solo-Quartett, die Altistin Elsa Cavelty und der Tenor Richard Lewis, das Finale mit Schillers Lied „An die Freude“ deutsch sangen. So kamen die Verse „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“ zu eigentümlich ergreifender Wirkung, die am Ende der straffen und zugleich gelösten Aufführung im brausenden Jubel der Zuhörer ihren Ausdruck fand.

Wir werden sehen:

Mittwoch, 15. April, 20.20 im NWDR:

Eine von den vier Komödien aus Curt Goetz’ „Menagerie“, den „Hund im Hirn“, inszeniert Karl-Heinz Schroth (zum erstenmal in diesem Amt) als Fernsehspiel. Auch Georg Thomalla, der die Hauptrolle des nur scheinbar verrückten Herrn Tittori spielt, steht zum erstenmal vor der Fernsehkamera.