Als im vergangenen Monat die amerikanische MSA-Mission aus Gegenwertmitteln 80 Mill. DM für Rationalisierungskredite an Klein- und Mittelbetriebe freigab und damit dem Erhardschen Produktivitätsprogramm nicht nur den offiziellen Segen, sondern auch einen doch immerhin tragbaren materiellen Unterbau gab, wurde das Thema Rationalisierung und Produktivität wieder stark in das Rampenlicht der öffentlichen Diskussion gerückt. Steigerung der Produktivität, d. h. also Vergrößerung des Leistungseffekts jeder geschaffenen Arbeitsstunde durch verstärkten Einsatz von Maschinen und verbesserte Koordination der Arbeit, ist der Trend jeder gesunden wirtschaftlichen Entwicklung. Auch in den Jahren des Wiederaufbaues, der unter dem Sog des Nachkriegsmangels die Produktion üppig ins Kraut schießen ließ, war er verdeckt vorhanden. Jetzt aber, nachdem sich die Verhältnisse normalisiert haben, wird uns erschreckend klar, wie weit wir doch in dieser Beziehung zurückgeblieben sind. Wenn man sich vor Augen hält, daß das Leistungsergebnis des amerikanischen Arbeiters zweieinhalbmal über dem seines Kollegen in Europa liegt, dann verliert die chronische Dollarlücke Europas, die so lastend auf allen Bemühungen um den Wiederaufbau eines funktionierenden Welthandels liegt, sehr schnell ihr Geheimnis. Rationalisierung, und zwar erfolgreiche Rationalisierung, ist zu einem Hauptanliegen der Wirtschaft geworden.

Man sollte meinen, daß es nun, wo diese Aufgabe nicht nur klar vor uns steht, sondern auch die Mittel – sie sind inzwischen durch Einschaltung des Bankenapparats auf 100 Mill. aufgestockt worden –, wenigstens doch für das Anlaufen dieses Programms zur Verfügung stehen, nur die eine Frage gibt, wie sie am wirkungsvollsten angesetzt werden können. Die Äußerungen führender Gewerkschaftler jedoch und Ausführungen, die in letzter Zeit in den gewerkschaftlichen Monatsheften zu diesem Thema gemacht worden sind – übrigens in sachlicher Form –, lassen erkennen, daß man sich bestimmten Orts zunächst die ganz andere Sorge macht, in wessen Hosentasche die eventuellen Erfolge-und Gewinne aus der erhöhten Produktivität wandern sollen. Wieder einmal also streitet man sich um die Verteilung, bevor das, was verteilt werden soll, überhaupt vorhanden ist.

Allerdings haben die Gewerkschaften für ihre zurückhaltend skeptische Einstellung in Sachen Rationalisierung ein Argument in der Hand, das ernst zu nehmen ist. Schon einmal gab es in Deutschland so etwas wie eine Rationalisierungskonjunktur. Das war um die Mitte der zwanziger Jahre, als nach erfolgter Stabilisierung der Mark ähnlich wie heute das Rennen um den Anteil an den Märkten einsetzte. Diese unter beispiellosem Einsatz von Kapital und Arbeit entfachte Welle des technischen und organisatorischen Fortschritts endete in einem Fiasko. Der Arbeiter blieb nicht nur ohne Belohnung, sondern verlor oft sogar durch die schon hier einsetzende Massenarbeitslosigkeit seinen Arbeitsplatz und damit seinen Lohn.

Es ist klar, daß jede Überlegung über Produktivitätssteigerung und Rationalisierung von diesen Erfahrungen der Vergangenheit ausgehen, dann aber auch die ganz anderen Voraussetzungen in Rechnung stellen muß, die heute diesen Bestrebungen zugrunde liegen. Damals war es der rein privatwirtschaftliche Drang nach den höheren Gewinnen, der die Unternehmer veranlaßte, ihre Betriebe zu rationalisieren. Heute sind es ganz wesentlich gesamtwirtschaftliche Erfordernisse, die zur Steigerung der Ertragskraft der Wirtschaft zwingen, da auf Grund der geänderten Verhältnisse nur mitesseren Arbeitsmethoden das Verbrauchsniveau gehoben oder eine Senkung des Lebensstandards durch den Rüstungsaufwand vermieden werden kann. Aber auch ein weiteres muß als Kennzeichen einer geänderten Situation gesagt werden: auch das Wirtschaft denken der Unternehmer ist heute ein anderes geworden. Natürlich ist es weitgehend vom Gewinnstreben geprägt. Aber doch nicht so ausschließlich, daß daneben nicht Erwägungen der Verantwortung gegenüber den in den Betrieben Beschäftigten Platz hätten. Wo diese nicht vorhanden sein sollten, sorgt der die Gewinne abschöpfende Staat in Verein mit dem die Preise drückenden Wettbewerb des Marktes, daß die Rationalisierungsgewinne, wo sie erzielt werden, heute nicht mehr wie damals bei den Unternehmern hängen bleiben und dadurch in eine Marktschrumpfung mit allen ihren Folgen führen, sondern weitgehend gestreut auch den Arbeitnehmern (über die Löhne) und den Verbrauchern (über die Preise) zugute kommen.

Die Gewerkschaften, jedenfalls ihre offiziellen Sprecher, glauben nun nicht an die Wirkung dieser veränderten Bedingungen, am allerwenigsten daran, daß der Markt aus sich heraus die „gerechte“ Verteilung der Gewinne durchführen kann. Sie halten es wohl für möglich, aber nicht für sicher, daß der Rationalisierungseffekt unter dem Zwang der Konkurrenz in sinkenden Preisen seinen Niederschlag finden wird. Sie fordern darum feste Garantien, weniger für das Sinken der Verbrauchspreise, als für das Steigen der Arbeiterlöhne, die nach bestimmten Meßgrößen an die Produktivitätsentwicklung angehängt werden sollen.

Hier also trifft man wieder auf den Kernpunkt der Auseinandersetzungen, die seit Jahr und Tag die Gewerkschaften und die Freunde einer sozialorientierten, aber von ihren Gegnern in diesem Sinne nicht verstandenen Marktwirtschaft trennt. Mit uns werden die Gewerkschaften der Meinung sein, daß es heute viele und große Bereiche in der Wirtschaft gibt, in denen über den freien Wettbewerb Preisnachlässe erfolgt sind, ohne daß sie Lohnsenkungen zur Folge hatten. Wir wiederum stimmen mit den Gewerkschaften darin überein, daß es andere, ebenfalls große Märkte gibt, auf denen dieser Wettbewerb monopolistisch durchsetzt und gar nicht oder nur beschränkt vorhanden ist. Das alles ist aber Menschenwerk und darum Gegenstand der menschlichen Entscheidung: entweder die Wirtschaft so zu ordnen, daß der freie Wettbewerb auch dort, wo er nicht besteht und wo es sich immer machen läßt, geschaffen wird – wie es das Ziel des neuen Kartellgesetzentwurfs von Erhard ist – oder, daß man nach genau der entgegengesetzten Richtung in der Weise zu einem zusammenhängenden System zu kommen versucht, daß man auch die bisher freien Märkte in den Zustand der dirigistischen Abmachungen überführt.

Die Gewerkschaften entscheiden sich auch hier wieder für das letztere, denn darauf kommen im Endergebnis ihre Forderungen in der Rationalisierungsdebatte heraus. Rationalisierung ist ein dynamischen Prozeß, der sich nicht berechnen läßt. Sein Ablauf liegt wohl in den einzelnen Betrieben, aber sein Ergebnis ist entscheidend von außerbetrieblichen Faktoren des Marktes bestimmt, die wesentlich irrational sind. Produktivität und Lohnhöhe oder Produktivität und Preise lassen sich nur dann in einen eindeutigen Funktionszusammenhang bringen, wenn auch alle anderen Größen, die durch erhöhte Produktivität verändert werden, in ein rechenbares System gebracht werden, d. h. also die Gesamtheit der Marktfaktoren. Diese Gleichung aber hat allzuviele Unbekannte, als daß sie lösbar wäre. Manche hindert das allerdings nicht, dem Traum von der Möglichkeit einer nicht in den totalen Zwang abrutschenden Planwirtschaft weiter nachzuhängen. Wolf gang Krüger