Die Familie stammt vom Comer See, wo noch heute in Tremezzo die schöne, ehemals ihr gehörige Villa steht. Um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert kamen die Brentanos nach Deutschland: einige ließen sich in Frankfurt und Bingen nieder, andere in Augsburg, in Köln, in Amsterdam. Außer Italienern zählen zu den Vorfahren Österreicher, Franzosen, Holländer, Griechen –, eine Mischung aus vielerlei Blut und weitem Umkreis. Die Brentanos dürfen, so sagte einmal ein witziger Mann, die deutsche Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts als eine Art erweiterter Familiengeschichte betrachten. Befreundet oder versippt mit den Savignys, den Arnims, haben sie das Antlitz der deutschen Frühromantik mitbestimmt. Aus der Nachkommenschaft jenes Peter Anton, der in Frankfurt als Handelsherr ein großartiges Haus führte, stammen sie alle: nicht nur der Dichter Clemens, dem der heutige Politiker auffallend ähnlich sieht, auch der geniale Philosoph Franz, der große Nationalökonom Lujo; Künstler, Gelehrte, und neben diesen immer wieder Politiker. Zu den streitbaren Gestalten der Paulskirche zählt der badische Revolutionär Lorenz Brentano; in der Weimarer Nationalversammlung saß der Vater Heinrichs, hessischer Zentrumsabgeordneter und langjähriger Justiz- und Innenminister in Darmstadt.

Dr. Heinrich von Brentano ist 1904 in Offenbach als jüngstes von sechs Kindern geboren und ließ sich, Jurist wie der verstorbene Vater, vor dem Kriege in Darmstadt als Anwalt und Notar nieder. 1945 gehörte er zu den Mitbegründern der CDU in Hessen. Sein Name war fortan verknüpft mit den wechselnden Stationen der neu beginnenden deutschen Staatlichkeit. Er wurde Mitglied der verfassunggebenden Landesversammlung in Hessen, er wirkte in Stuttgart als Delegierter im Länderrat, dann saß er in Bonn im Redaktionskomitee der Bundesverfassung. Als Konrad Adenauer die Regierung bildete, folgte er ihm im Vorsitz der CDUCSU-Fraktion.

Rhetorisches Paradieren liegt ihm fern. Er sagt von sich, er sei kein zündender, die Massen bewegender Redner. Seine Leidenschaft ist versachlicht. Sein Vortrag klingt ruhig, selten steigert sich die Stimme, er liebt es, die Tatbestände wie in einem Schriftsatz zu entwickeln, die Argumente aneinander zu reihen und weniger das Gefühl als den Verstand des Zuhörers zu überzeugen. Gelegentlich macht der Sprecher eine knappe Geste, einen unbewußten Griff nach der Krawatte oder dem vor ihm stehenden Glas Wasser. Der Vorsitz in der Fraktion mit ihren 151 Mitgliedern verlangt geschmeidige Lenkung, Takt und Herzenswärme; das internationale Parkett läßt sich noch immer am besten an, wenn es mit einem Hauch der weitläufigen Schule des alten Europa betreten wird. Brentano hat viel von dieser Tradition, den Sinn für diplomatische Nuancen, die Konzilianz, die sich mit ruhiger Zähigkeit in Verhandlungen verbindet. Dabei ist er von Wesen lauter, haßt krumme Wege, ein Mann von hoher Bildung und Geschmackskultur, für den Literatur und Kunst zum Lebensinhalt gehören, ein heiterer Gesellschafter, ein zuverlässiger Freund. Kein Zweifel, er war wie kaum ein anderer dazu bestimmt, der Europapolitiker seiner Partei zu werden. Durch dieses Sonderamt gewinnt auch der Fraktionsvorsitzende, der Mitspieler des eigenwilligen und zähen Kanzlers, an Gewicht.

Seitdem sich 1950 in Straßburg die Beratende Versammlung der Europa-Union konstituiert hat, war Brentano fast ebensooft in Straßburg, Paris, Brüssel und Rom wie in Bonn. Chefdelegierter der CDU-CSU in Straßburg und Vizepräsident der Beratenden Versammlung, überdies Mitglied des Montanparlamentes der sechs Schumanplan-Ländtr, stand er im Kampf der Versammlung gegen den Ministerrat um Ausdehnung ihrer Kompetenzen. Als auf Vorschlag der sechs Außenminister Ende September 1952 das erweiterte Montanparlament die Kommission zur Ausarbeitung der Verfassung einer „europäischen politischen Gemeinschaft“ berief, wurde Brentano einstimmig zum Präsidenten dieser Kommission gewählt. Er macht kein Hehl daraus, daß er auf die in ihr geleistete Arbeit stolz ist. Das entscheidende Merkmal dieses Verfassungsentwurfs erblickt er darin, „daß er von keinem Staat einen zusätzlichen Souveränitätsverzicht verlangt“. Trotzdem sei eine Ordnung vorgesehen, „die im Augenblick, da sie existent wird, jede echte Entwicklung zu einer weitreichenden europäischen Integration ermöglicht“.

Jetzt, nach dem vorläufigen Abschluß dieser Verfassungsarbeiten, will sich Brentano wieder ausschließlich seiner Fraktionsarbeit in Bonn widmen. Da jedoch die Einigung auf einem wirtschaftlichen Teilgebiet (Kohle und Stahl) und der geplante militärische Zusammenschluß nach einer umfassenden politischen Klammer verlangen, bildet das Zustandekommen der europäischen politischen Gemeinschaft weiterhin eines seiner Hauptanliegen. Er vergleicht den Weg nach jenem Europa mit der Entwicklung Deutschlands im vorigen Jahrhundert, die über den Norddeutschen Bund und den Zollverein zum Reich geführt hat. Von Allianzsystemen alten Stils hält er nicht viel: sie hätten stets ephemeren Charakter gehabt oder hätten im Zeichen des Hegemoniestrebens gestanden. Es wäre falsch, Brentano für einen Europa-Utopisten zu halten. Das Problem des Zusammenschlusses der Sechs sieht er mit aller gebotenen Nüchternheit, er glaubt jedoch, daß ohne „konstruktive Kühnheit“ und ohne den Willen, schrittweise von einer losen Konförderation zu gelangen, Europa verloren ist. „Entweder werden die europäischen Staaten Satelliten, sei es des Ostens, sei es des Westens, weil jeder allein sich nicht behaupten kann, oder sie wachsen zusammen und bilden eine echte politische Ordnung, mittels derer sie ihre eigenen Entscheidungen und ihr eigenes Gewicht in die Waagschale der Zukunft legen können.“

Und wie soll dieses Zusammenwachsen erreicht werden? Durch einen behutsamen Pragmatismus, antwortet Brentano, nicht mit der „kartesianischen“ Methode, die kasuistisch auch das Werdende festzulegen versucht. Er hofft – und in dieser Hoffnung schwingt die Erinnerung an zahlreiche Gespräche mit politischen Freunden, auch in Frankreich und Italien, mit – auf die Dynamik der zwischenstaatlichen Gremien gegenüber den statischen Tendenzen der Kanzleien. Im Widerstreit dieser Tendenzen spiegelt sich ein altes geschichtliches Schema realer Gegensätze. Allein, Brentano ist kritisch genug, die Spannung zwischen Ziel und Wirklichkeit nicht zu verkürzen. „Unsere Entscheidungen müssen im Bereich des politisch Möglichen liegen, wir dürfen nicht Illusionen nachjagen. Die Erkenntnis, daß wir uns im Bereich des politisch Möglichen halten müssen, darf uns nicht hindern, innerhalb dieser Grenzen das politisch Notwendige zu tun,“ – Der Abschluß der europäischen Verteidigungsgemeinschaft und des Deutschlandvertrags sei eine Lebensfrage unserer Nation. „Von vieren haben wir drei als Partner gewonnen. Das sichert die Wiederherstellung der deutschen Einheit auf friedlichem Wege.“

Unlängst sprach Brentano in München vor dem Wirtschaftsbeirat der CSU über die Verfassungsarbeit in Straßburg und wandte sich gegen die Bezeichnung „Kleineuropa“. Sie sei unrealistisch und falsch. Man könne Europa nur mit jenen schaffen, die dazu bereit seien. Der föderative Zusammenschluß von sechs Nationen mit ihrem geistigen und wirtschaftlichen Potential werde zu einer eigenständigen europäischen Politik führen, in welcher Europa sich selbst finden könne. „150 Millionen Menschen sind kein Kleineuropa!“ Als er diesen Satz ausrief, verwandelte sich die These zum Pathos des Glaubens, und die ihn hörten, vernahmen ein persönliches Bekenntnis. Max von Brück