Verona, Ende März

Bei der Beurteilung der deutsch-italienischen Handelsbeziehungen war man sich auf beiden Seiten stets darüber einig, daß sich die beiden Volkswirtschaften in glücklicher Weise ergänzen und der Güteraustausch beider Länder Verhältnismäßig leicht ausbalanciert werden kann. Auf der Grundlage der von Italien und der Bundes-Grundlage vertretenen freiheitlichen Gestaltung der Außenhandelswirtschaft bei steigender Liberalisierung und einer vertrauensvollen handelspolitischen Atmosphäre hat dann auch der Hanpolitischen zwischen beiden Ländern seit 1948 eine beispielhafte Ausweitung erfahren. Vor allem eine er gekennzeichnet durch einen ständig steigenden Austausch italienischer Agrarprodukte einschließlich Wein gegen westdeutsche Industrieschließlich 56,4 v. H. der aus Italien in die Bundesrepublik importierten Waren waren 1951 Lebensmittel, überwiegend Obst, Gemüse und Wein, während der Anteil der Fertigwaren an den Waren sich auf 64,1 v. H. belief. 1952 haben sich diese Prozentsätze noch etwas erhöht.

Ohne Zweifel hat die Bundesrepublik 1952 von der hohen italienischen Liberalisierung (99 v. H.) viele Vorteile gehabt. Die deutsche Ausfuhr nach Italien ist 1952 auf den Wert von 919 (1951: 673) Mill. DM gestiegen, während aus Italien nur für 652 (549) Mill. DM Waren eingeführt wurden. Es besteht also ein Mißverhältnis von 267 Mill. DM im gegenseitigen Warenverkehr; deutscherseits wurde das im letzten Handelsvertrag, zugestandene Exportvolumen um rd. 60 Mill. DM überschritten, während das der italienischen Einfuhr nach der Bundesrepublik um 90 Mill. DM zurückblieb. Immerhin ist es aber trotz aller Schwierigkeiten im Vorjahr gelungen, den italienischen Wünschen entsprechend die Einfuhren von italienischem Gemüse nach Deutschland gegenüber 1951 von 25 auf 41,5 Mill. DM, bei Obst von 1951 auf 57,9 Mill. DM und bei Südfrüchte! von 89 auf fast 100 Mill. und zu erhöhen. Damit haben die italienischen Obst- und Gemüselieferungen nach Deutschland einen Stand erreicht, der nach Wert und Menge über dem Durchschnitt der Jahre 1927 bis 1938 liegt.

Im Rahmen der verbesserten Ausfuhrmöglichkeiten der letzten Jahre hat Italien insbesondere dem Export deutscher Schlepper und Landmaschinen gute Absatzchancen geboten. Entsprechend dem Rang der Landwirtschaft in der gesamtitalienischen Wirtschaft (47 v. H. aller Berufstätigen sind Bauern) und den Maßnahmen auf dem Gebiet der Siedlung im Zuge der Bodenreform sowie der angestrebten Rationalisierung und Modernisierung der Landwirtschaft dürfte Italien noch über einen beachtlichen Maschinenbedarf für die nächste Zukunft verfügen.

Auf der diesjährigen Landwirtschaftsmesse in Verona wurden wiederum bedeutende (gegenüber dem Vorjahr erhöhte) Umsätze getätigt. Die festgestellten Maschinen-Verkaufsabschlüsse haben sich trotz der im letzten Jahr eingetretenen Preissenkungen gegenüber dem Vorjahr von 8 auf mindestens 9,78 Mrd. Lire (1951: 4,5 Mrd. Lire) erhöht. Die Firmen des Bundesgebietes standen mit einem Auftragsrekord von 2,96 (1952: 2,2 und 1951: 1,2) Mrd. Lire weitaus an der Spitze der ausländischen Aussteller. Außer Schleppern verschiedenen Größen mit Anhängergeräten standen Planierungswalzen, Mähmaschinen und Mähdrescher, Beregnungsanlagen, Pumpen und Dieselmotoren, Pflüge und u. a. Gartengeräte im Vordergrund. Die laufenden Kreditaktionen des italienischen Staates, die den Absatz einheimischer Fabrikate durch Ratenzahlungen bei niedrigem Zinsfuß bis zu fünf Jahren begünstigen, trugen sehr zur Verschärfung des Wettbewerbs und zur Erschwerung des Absatzes bei.

In den am Export und Import zwischen Deutschland und Italien interessierten Kreisen ist man nun über die nächstjährige Gestaltung der Handelsbeziehungen etwas in Sorge. Italien ist durch die großzügige Handhabung der Liberalisierung, insbesondere durch das Verhalten von Frankreich und England, die die früher üblichen Einfuhren aus Italien (vor allem an Obst, Gemüse und Wein) in den letzten Monaten erheblich vermindert oder fast eingestellt haben, in einige Schwierigkeiten gekommen; seine Gläubigerposition ist infolge ständiger Verringerung seines Guthabens bei der Europäischen Zahlungsunion gefährdet. Italienische Wirtschaftskreise drängen daher auf eine Rückführung der Liberalisierung und Eindämmung ausländischer Einfuhren ebenso wie die italienische Landwirtschaft eine verstärkte Ausfuhr von Obst und Gemüse anstrebt. Am 12. März sind die neuen Handelsvertragsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik und Italien angelaufen, bei denen es sich in erster Linie um die Neufestsetzung der Kontingente für die nichtliberalisierten Waren handelt. Da die Italiener eine nicht unerhebliche Aufstockung der Kontingente an Obst und Gemüse gefordert haben, ist zunächst eine Unterbrechung der Verhandlungen eingetreten, damit die Bundesregierung im Hinblick auf den starken Widerstand der „Grünen Front“gegen eine weitere Erhöhung ausländischer Einfuhren sich entscheiden kann. Hinsichtlich der italienischen Ausfuhrwünsche für Obst und Gemüse wird man sich wohl deutscherseits auf ein Kompromiß einstellen müssen. Alfred Vossius