Als um die Jahreswende der Bundeswirtschaftsminister davon sprach, daß Deutschland wieder daran denken müsse, Kapital auszuführen, erblickte man hierin vielfach eine nur für die Zukunft aufgeworfene Überlegung ohne aktuelle Bedeutung. Inzwischen haben die aus der Exportwirtschaft kommenden Nachrichten über wachsende Schwierigkeiten im Außenhandel und den Wettbewerb um lange Zahlungsfristen diesen Gedanken sehr viel schneller reifen lassen, als irgend jemand noch vor einem Vierteljahr ahnen konnte.

Nachdem das Kapitalmarktförderungsgesetz trotz aller seiner Konstruktionsfehler und Lücken eine gewisse Auflockerung des Kapitalmarktes gebracht hat und nachdem vor allem der Bundesfinanzminister seine große Bundesanleihe unter Dach und Fach bringen konnte, schwelgt man offenbar wieder in großen Zahlen und liebäugelt dabei auch mit Vorfinanzierungen durch des Zentralbanksystem. Diesmal aber scheinen die Banken, und zwar die aller in Frage kommender Kategorien, recht schnell reagiert und es abgelehnt zu haben, den vorgeschlagenen, etwas abenteuerlich anmutenden Weg mitzugehen. Große Zahlen werden auch noch in der nächsten Zukunft auf dem deutschen Kapitalmarkt recht selten sein. Mit recht ist man in der Bankenwelt stolz, daß es trotz aller Schwierigkeiten gelungen ist, für die Degussa eine Obligation im Betrage von 10 Mill. DM unterzubringen. Obwohl es sich hier sicherlich um ein sehr attraktives Papier gehandelt hat, dauerte es einen halben Monat, bis es von echten Kapitalzeichnern übernommen worden war. Das läßt in etwa erkennen, mit welchen Größenordnungen man rechnen darf, falls man heute an den Kapitalmarkt herantritt.

Wenn man an einen Kapitalexport denkt, wenn man Zahlungsziele von sieben, acht und mehr Jahren gewähren will, so wie sie heute auf den Weltmärkten gefordert und auch zugestanden werden, so wird man mit sehr viel bescheideneren Beträgen anfangen müssen, als sie im Augenblick diskutiert werden. Das schadet auch gar nichts; denn an so gewagte Geschäfte kann man sich nur herantasten. Der Brasilienfall hat deutlich genug gezeigt, wie weit man kommt, wenn man lediglich um der Ausfuhr’willen Export treibt. Der Saldenstand auf den Konten mit den Verrechnungsländern in einem Gesamtbetrag von über 800 Mill. DM zeigt ebenfalls, daß zum Außenhandel nicht nur der Export, sondern genau so gut der Import gehört, oder mit anderen Worten, daß es vor allem darauf ankommt, mit den Ausfuhrerlösen die Einfuhr zu bezahlen.

Das ist an sich hinreichend bekannt; es wird aber nicht genügend beachtet, daß dies in einem verstärkten Maße gilt, wenn man Kapitalexport betreiben will. Wozu sollte es sich auch lohnen, lange Zahlungsfristen zu gewähren, wenn nicht wenigstens am Ende der langen Fristen mit dem Erlös Dollargüter bezahlt werden können. Jeder Kapitalexport muß sich sinnvoll in das System des deutschen Außenhandels einpassen, andernfalls könnte man die Güter gleich verschenken ...

Wie alle Dinge, so hat auch diese Frage ihre verschiedenen Seiten, vor allem eine innerwirtschaftliche. Für das einzelne Werk der Investitionsgüterindustrie ist die Frage der Ausfuhr eine Frage der Beschäftigung. Jeder Einbruch im Außenhandel birgt die Gefahr der Unterbeschäftigung in sich, was vor allem die Politiker veranlaßt, impulsiv zu reagieren, so wie diesmal auch den Bundestagsabgeordneten Preusker.

In der von ihm eingeleiteten Diskussion ist eine Vielzahl von Plänen entwickelt worden, die sich mit der Finanzierung des langfristigen Exportgeschäftes beschäftigen. Hierbei schiebt sich in den letzten Tagen der Gedanke, Mittel der Arbeitslosenversicherung einzusetzen, in den Vordergrund. Man möchte die Beschäftigung sichern, indem man hilft, langfristige Exportgeschäfte zu finanzieren, weil diese über das akute Geschäft hinaus sehr große Nachgeschäfte kurzfristiger Art bringen und damit nachhaltig für Beschäftigung sorgen. Derartige Überlegungen haben zweifellos etwas Bestechendes, aber das Beste an ihnen ist doch die Kritik, die sich zu einer konstruktiven Idee entwickeln kann. Welche Lösung sich am Ende am zweckmäßigsten erweisen wird, läßt sich bis jetzt nicht erkennen. Sicher dürfte jedoch sein, daß eine, wenn auch vorsichtige Finanzierung langfristiger Exportgeschäfte in absehbarer Zeit organisiert werden wird. W. Ringleb