Orchideen, Kaffee, Cadillacs

El Salvador – was ist das für ein Land, aus dem der „ZEIT“ eine Spende von 500 Dollar für die Flüchtlinge aus der Sowjetzone zukom?

Wenn mich nur ein Deutscher sähe“, dachte ich, als mir auf dem Flugplatz von San Salvador Fotografen und Presseleute den Weg versperrten. Aus einer harmlosen Reisenden wurden über Nacht eine simpatica und culta Damita‚ die aus Deutschland gekommen war, um den kleinsten der fünf mittelamerikanischen Staaten, El Salvador, kennenzulernen. Mir fiel glücklicherweise Pascals Geschichte ein, in der ein Unbekannter für den verlorenen König gehalten wird. Er macht das Spiel zwar mit, aber sich selbst macht er wenigstens nichts vor ...

El Salvador, obwohl der kleinste Staat, hat Schritt gehalten mit den anderen mittel- und südamerikanischen Staaten in seiner modernen Entwicklung, seinen sozialen Neuerungen, nicht zuletzt in seinen großartigen Fortschritten in der landwirtschaftlichen Nutzbarmachung. Wie hat man das geschafft? Die europäische Betriebsamkeit jedenfalls, mit der man dem Gleichmut der Bewohner am Anfang entgegentritt, verflüchtigt sich schon während eines Aufenthaltes von vier Monaten in diesem heißen Land am Pazifik. Die Zeit scheint still zu stehen in den Tropen. In den ersten Tagen meiner Begeisterung sah ich nur Orchideen und Cadillacs, dann stellte ich fest, daß man auch „Olympia“ fuhr und daß Orchideen schließlich nur Parasiten sind.

Die Bevölkerung besteht aus Mestizen, von denen man zwei Drittel „Indians“ nennt. Ich betrachtete anfangs die bedürfnislosen Eingeborenen mit einem gewissen Mitleid, aber schon bald wurde mir klar,’ daß man nicht vermißt, was man nicht kennt. Die Hauptstadt San Salvador ist überraschend großstädtisch und technisch fortgeschritten, und auch die abgelegenen Plantagen erreicht man ohne Mühe mit dem Flugzeug. Dann aber vollzieht sich der extreme Wechsel des Modernen mit dem Urwüchsigen. Die Straßen werden schlecht, man wechselt zum Ox-car oder Indian-borse über, ißt Tortilla und getrocknete Bohnen, zerhackt sich seine Kokusnuß mit einer riesigen Machette (Solinger Fabrikat), teilt die Freuden eines Cowboys, jagt im Fluß nach Krokodilen, wandert durch die Kaffeeplantage und amüsiert sich hin und wieder über eine amerikanische Coca-Cola-Reklame oder die Aufforderung „Trinkt Pilsener Bier“, an der Wand einer halb verfallenen Bambushütte zwischen Palmen und Bananenbäumen.

Am nächsten Tag sitzt man dann wieder im kühlen Patio einer modernen Luxusvilla außerhalb der Hauptstadt, wiegt sich im Schaukelstuhl, sieht den Honigvögeln und Papageien nach, atmet den Duft dieses Paradieses und denkt an die nächste Dinnerparty unter tropischem Sternenhimmel. Welch ein Himmel, an dem der Mond so hell scheint, daß man Zeitung lesen könnte, während die Marimba leise klingt und die Springbrunnen plätschern. Ich war Gast bei vielen Deutschen. Salvadors reichster Mann und Zuckermagnat ist einer von ihnen, ein Kaffeekönig, der aus Bayern stammt, ein anderer. Alle fragten nach Deutschland. Dagmar Rochow