Es ist fast schon ein Schlagwort geworden, zu sagen, an dem Verlust an Wesenhaftigkeit, an „Existenz“, sei „die Technik“ schuld. Daher ist mehr noch als die anderen Menschen der Techniker aufgerufen zur Selbstbesinnung. Und es ist das Verdienst des VDI (Vereins Deutscher Ingenieure), schon 1950 und 1951 Sondertagungen über das Verhältnis des Menschen zur Technik abgehalten zu haben, die nun (am 30. und 31. März) ihre Fortsetzung in Tübingen fanden.

Hat die im himmelstürmenden Tempo sich entwickelnde Technik überhaupt Grenzen? Und wo liegen sie? Professor Hermann Schmidt (Berlin) wies in der Entwicklung der Technik drei Stadien auf. Zunächst schafft der Mensch, der, im Unterschied vom Tier, ohne spezifische Organe, nackt und waffenlos in die Welt geworfen ist, sich Werkzeuge. Über die Kraftmaschine, die eine Revolution der Gesellschaft hervorruft, führt der Weg zu den sich selbst regulierenden Automaten. Damit aber ist die Grenze für die Bedrohung der Freiheit des Menschen aufgewiesen. Er bedient den Automaten nicht mehr, er kontrolliert ihn. Der Mensch ist durch die Entlastung von allem „Mechanischen“ freigesetzt für die höhere Stufe, auf der die Abläufe durch den steuernden Eingriff nach dem Willen des Menschen gelenkt werden müssen. Allerdings erweist sich uns heute der Umfang des Gebietes der „Maschine“, das von sich selbst regelnden Automatismen beherrschbar ist, von erstaunlich Weite, in dessen Eroberung wir – etwa mit den Elektronenrechenmaschinen – erst am Anfang stehen. Sicher aber ist, daß der Mensch als ihr Steuermann Herr der Maschine bleibt.

Was aber beängstigend wirkt, ist. der offenbar nach eigenem (aber welchem?) Gesetz ablaufende Entwicklungsprozeß der Technik selbst. Damit, daß der Techniker in jedem einzelnen Fall eine Regel der Natur übernimmt, die er aber nun einem von ihm, dem Menschen, gesetzten Zweck unterstellt, entsteht ein Konflikt zwischen dem Willen der Natur und dem des Menschen. Hier stieß Hermann Schmidt am tiefsten in die Problematik von Mensch und Technik vor: Es kommt darauf an, „den sinnlichen Teil der Natur mit dem vernünftigen in Harmonie zu setzen“ (Schiller).

Technik heißt: Zwecke setzen. Die Technik ist kein Dämon, sie ist und bleibt Menschenwerk. Und das zentrale Problem des technisch schöpferischen Menschen heißt: welche Zwecke soll ich setzen? Es heißt immer: „die Technik“ kann so im t weiter gehen. Das Thema der Tagung hieß: die Wandlung des Menschen durch die Technik. Aber siehe da: das Thema kehrte sich um in: die Wandlung der Technik durch den Menschen. Das war viel fruchtbarer, und so kam die Tagung zu einem bedeutenderen Ergebnis als das dritte Darmstädter Gespräch. Diese glückliche Wandlung des Themas kam zustande durch die Zusammenarbeit von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern mit Philosophen und Psychologen. Unter dem Vorsitz des Kurators des VDI, Prof. Dr. Ing. Erich Siebel (Stuttgart) vereinigten sich die Professoren Hermann Schmidt (Berlin), Oswald Kroh (Berlin), Richard Wagner (München), Alwin Walther (T. H. Darmstadt), Theodor Litt (Bonn), Arnold Gehlen (Speyer).

In kaum einem anderen Menschen vereinigen und durchdringen sich die tragenden Kräfte und belastenden Nöte unserer Zeit so wie in dem Ingenieur. Gebunden an die exakten Gesetze der Naturwissenschaft, schafft er in freier schöpferischer Phantasie seine Gebilde. Mit den von ihm geschaffenen Mitteln fördert er rückwirkend die Forschung – das zeigte besonders schön Professor Walther am Beispiel der Elektronenmaschinen –, so daß die Naturerkenntnis lawinenartig wächst. Im selben Maße wachsen die den Menschen verfügbar werdenden Möglichkeiten der Natur. In demselben Maße aber auch wächst die Verantwortung für die Zwecksetzung ihrer Verwendung. Für den im schaffenden Leben stehenden Ingenieur ist die Selbstbesinnung alles andere als eine akademische Angelegenheit. Aber das Phänomen Technik geht uns alle an, besonders unsere Universitäten.

Professor Theodor Litt (Bonn) machte den Weg zur Selbstbesinnung frei, indem er die Grenzen der Methoden der Naturwissenschaften aufwies, die notwendig auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften versagen müssen. Einen weltweiten Aspekt erhielt das Thema der Tagung durch Bundesminister Dr. Schuberth. Wenn das Flugzeug einen Reisenden in zwölf Stunden von London nach New York bringt, so ist die Welt eben sehr klein geworden. Außerdem: man könnte in Europa noch viel Wasserkraft frei machen, und ein Kraftnetz von Skandinavien nach Spanien spannen. Was bedeuten solchen Prospekten gegenüber noch Landesgrenzen? Der Techniker kennt nur den Dienst am Menschen, dessen Bedürfnisse er befriedigen will. „Die Technik ist nicht dämonisch, wenn der Mensch es nicht will.“ Im Gegenteil, die vorliegenden Projekte – Soergels Atlantisgedanke etwa ist technisch keine Utopie – erfordern die Gemeinschaftsarbeit von Nationen. Technik braucht nicht völkermordend sein, sie kann ebenso gut völkerverbindend sein – wenn der Mensch es will! Berthold Lammert